Darf Wien Chicago werden?

19. Jänner 2009, 18:23
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Österreichs Politiker wirken verunsichert - Sollen sie das amerikanische Jahrhunderttalent Barack Obama imitieren oder nicht?

Das waren noch Zeiten, als die Wiener FPÖ in den Wahlkämpfen der Neunzigerjahre plakatierte: "Wien darf nicht Chicago werden!" Ballernde Gangsterhorden aus dem Jahr 1930 vor Augen zeichneten die blauen Strategen schon damals ein windschiefes Bild der Stadt. Doch heute überfordert die moderne US-Metropole alle österreichischen Parteien. Chicago ist die politische Heimat des neuen US-Präsidenten Barack Obama. Hier lernte er das Kampagnen-Handwerk, aus dieser Stadt nimmt er seine engsten Berater mit nach Washington ins Weiße Haus.

Der Erfolg des Chicagoer Gewächses Obama stellt heimische Spitzenpolitiker vor entscheidende Fragen: Kann, darf, oder muss man das amerikanische Jahrhunderttalent imitieren? Soll ein Minister oder gar ein kleiner Bürgermeister ab sofort so reden wie der große Orator? Und: Wie viel Pathos vertragen österreichische Wähler - und vor allem die hiesigen Journalisten?

Seit Monaten kämpfen sich Vertreter aller Parteien durch ein Gestrüpp möglicher Antworten. Die einen haben sich für die Offensive entschieden und tappen schnurstracks in die Kopierfalle. Dieser Typus Politiker kapert dann Obamas Slogans. Reden zu allen (un)möglichen Anlässen werden dann entweder gleich mit ein paar herzhaften "Yes we can" oder holprigen Übersetzungen - wahlweise "ja, wir können's" oder "wir schaffen das, gemeinsam!" - gespickt. Vertreter des anderen Extrems flüchten in strikte Ablehnung. Österreich sei mit den USA niemals vergleichbar, sagen sie, und jede Lehre aus Obamas Wahlkampf müsse folgerichtig ein Fehlschluss sein.

Beide Interpretationen sind falsch. Natürlich gibt es kulturelle wie politische Unterschiede, die das Heranwachsen eines Alpen-Obama erschweren. Das plumpe Abkupfern eines predigerhaften Redestils kann hierzulande nur danebengehen. Genauso illusorisch ist es anzunehmen, mit einer Website und einem Facebook-Eintrag das Rezept für eine bahnbrechende Online-Kampagne gefunden und bald hunderte Millionen Euro an Spendengeldern auf dem Konto zu haben.

Dennoch: Auch die österreichische Innenpolitik verträgt ein gerüttelt Maß Obama. Die politische Landschaft würde spannender, klauten die Parteistrategen nur geschickt in den USA.

Erfolgversprechend ist dieser Ansatz allemal. Das hat 2006 schon Alfred Gusenbauer bewiesen, als er mit Berater Stanley Greenberg seinen erfolgreichen Negativ-Wahlkampf bis ins Detail von Bill Clinton abschaute.

Also: Wo können Österreichs Politiker Obama werden?

  • Rede und politische Erzählung In Österreich ist in allen Parteien die Sitte eingerissen, Reden - oder das, was man dafür hält - vom Blatt zu lesen. Das geht auch anders. Wähler, ja selbst Journalisten, vertragen ein Mehr an Rhetorik und Inspiration. Obamas Reden sind Kristallisationspunkte seiner Kampagnen. Und: Auch wenn seine Lebensgeschichte unerreicht bleibt, darf hierzulande intensiver an größeren politischen Erzählungen und Entwürfen getüftelt werden.

 

  • Partizipation und Mobilisierung Obama ist der erste Politiker weltweit, der ein Rezept gegen die vielbeschworene Politikerverdrossenheit gefunden hat. Er hat seine Anhänger tatsächlich in die Kampagne eingebunden. Sie hatten das Gefühl, mit am Steuer zu sitzen. Im Kleinen ist das auch hier umsetzbar. Exaktere Zielgruppenkommunikation (Mikro-Targeting) und eine direkte, persönliche Ansprache müssen das Ziel sein.

 

  • Die Idee der Unabhängigkeit Personalisierung ist in der Politik nicht neu, schon gar nicht in den USA. Einigen in Europa aber entging, dass Obama viel mehr machte. Er inszenierte sich eher als unabhängiger Kandidat mit Zielen denn als gestandener Demokrat. Das ist ein Trend für Europa.

 

  • Die Organisation Hillary Clinton baute im parteiinternen Wahlkampf auf traditionelle Parteistrukturen. Und verlor, weil sie Obama mit einem via Internet organisierten Heer an Freiwilligen überrannte. Seine Anhänger höhnten: It's the network, stupid! Gut: Österreich hat weniger Freiwillige. Aber mit Inhalt befüllte Zwischenkampagnen können eine (ohnehin schrumpfende) Parteibasis ergänzen. Und gibt es erst die Mobilisierung für konkrete Projekte, ist in Österreich vielleicht sogar das verpönte politische Fundraising in zarten Ansätzen denkbar.

 

  • Beispiele und Zukunftsbezug Obamas effektivster Wahlkampf-Werbespot (mehr als 30 Minuten) zeigte konkrete Menschen, deren Sorgen und Obamas künftige Lösungen für ihre Probleme. Manche Politiker hierzulande präsentieren noch immer ausschließlich leblose Zahlenkolonnen und glauben, für die Vergangenheit gewählt zu werden. Ein Tipp: am Dienstag Obama schauen. (Thomas Hofer, DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2009) 

 

Zur Person: Thomas Hofer ist Politikberater in Wien und Geschäftsführer von "H&P Public Affairs" (www.hppa.at). Jüngste Buchveröffentlichungen: "Obama. Der schwarze Visionär - Zeitenwende für die Weltpolitik?" (gemeinsam mit Norbert Rief) und "Wahl 2008. Strategien, Sieger, Sensationen" (Herausgegeben mit Barbara Tóth). Beide Bücher sind 2008 im Molden-Verlag erschienen.

Mehr zu Obama und US-Politik auf derStandard.at/USA

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    Kann, darf, oder muss man das amerikanische Jahrhunderttalent imitieren? Soll ein Minister oder gar ein kleiner Bürgermeister ab sofort so reden wie der große Orator?

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