Ein Augenblick Weltruhm für ein Gedicht

19. Jänner 2009, 17:09
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Die amerikanische Lyrikerin und Yale-Dozentin Elizabeth Alexander ist "Inaugural Poet" Barack Obamas

JFK war der Erste. Er beauftragte 1961 mit Pulitzer-Preisträger Robert Frost erstmals einen Dichter, die Vereidigung des Präsidenten der Vereinigten Staaten mit Poesie zu begleiten. Ein Festakt und ein Signal an die Kunst, das nicht zur Gewohnheit wurde. Erst Bill Clinton und nun Barack Obama folgten diesem Beispiel.

Obamas Auftrag ging noch im Dezember an die 46-jährige Autorin Elizabeth Alexander. Alexander, die an der Universität Yale Professorin für Afrikanisch-Amerikanische Studien ist, veröffentlichte in den letzten zehn Jahren fünf Gedichtbände. Mit Obama und seiner Frau Michelle ist sie seit den Neunzigerjahren freundschaftlich verbunden - damals unterrichteten beide an der Universität Chicago.

Doch obwohl Alexander 2006 sogar unter die Pulitzer-Finalisten kam und zahlreiche Literaturauszeichnungen erhielt, war sie als Lyrikerin bislang relativ unbekannt geblieben. Das hat sich nun schlagartig geändert. In ersten Stellungnahmen sprach sie über die Bedeutung, die es habe, ausgerechnet diesem angehenden Präsidenten ein Gedicht zu widmen: "Obamas eigener Gebrauch der Sprache und sein Respekt davor sind so evident! Er ist sich der Macht, die Sprache besitzt, bewusst und auch dessen, mit welcher Vorsicht wir versuchen sollten, miteinander zu sprechen." Die Themen ihres Schreibens, Rasse, Geschichte, Liebe und Familie, sind zum Teil eng mit ihrer universitären Arbeit verknüpft. Alexander, die in Harlem geboren wurde und in Washington aufwuchs, schreibt außerdem Fachbücher und Essays und ist Herausgeberin der Gedichte von Melvin Dixon und Gwendolyn Brooks.

"Poesie ist nicht zur Aufmunterung gedacht", lautete ihr offizielles Statement als Inaugural Poet, "vielmehr fordert Poesie uns heraus und führt uns zu Veränderungen." Der politische Auftritt ist für Alexander, die Mutter zweier Kinder ist und im Juli die Leitung ihrer Fakultät in Yale übernehmen wird, nicht ganz neu - ihr Vater hatte sowohl für die Regierungen Johnsons als auch Carters gearbeitet.

Über die Gestaltung ihres Inaugurationsgedichts hat Elizabeth Alexander noch nichts verraten, sicher ist jedenfalls, dass ihre Verse heute bei der Vereidigung Obamas zumindest für einen Augenblick mehr Aufmerksamkeit bekommen werden, als je ein Gedicht davor - sofern dessen Rezitation gelingt, denn der damals bereits 86-jährige Robert Frost wurde vor 50 Jahren von heftigem Wind und blendender Sonne daran gehindert, das Manuskript Dedication vorzulesen. Stattdessen trug er frei aus dem Gedächtnis rasch ein anderes seiner Gedichte vor. (Isabella Hager, DER STANDARD/Printausgabe, 20.01.2009)

  • Elizabeth Alexander begrüßt Obama mit Poesie.
    foto: gunther

    Elizabeth Alexander begrüßt Obama mit Poesie.

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