"Minderheit sein im eigenen Lande"

19. Jänner 2009, 14:39
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Junge Palästinenser protestieren gegen das "Gaza-Gefängnis"

Wien - "Lasst Gaza leben, lasst Gaza frei!", fordert die Menge der Demonstranten auf dem Weg von der Wiener Staatsoper zum Ballhausplatz. Einige Passanten zeigen sich interessiert, wenige schießen Fotos, die anderen blicken misstrauisch. Flugblätter verschiedenster Organisationen werden verteilt. In manchen dieser liest man Aufforderungen zu "Solidarität mit Gaza" und es wird von dem "Gaza-Gefängnis" gesprochen, in dem Krieg der kein "Juden-gegen-Moslems"- Konflikt sei, spricht man von Ägypten und Saudi Arabien als "Treue Verbündete der USA". Zwischen Plakaten mit Schriften, wie „Gaza ist das größte Konzentrationslager in der Geschichte der Menschheit" und „Prophet Moses, deine Enkel haben dich verraten", bewegen sich Junge und Alte, die gegen die seit nun mehr als zwei Wochen andauernde israelische Militäroffensive demonstrieren. Dem Aufruf zu einer "Pro-Gaza"- Demonstration am 9. Jänner folgten laut Angaben des ÖAMTC 2.000, den Organisatoren zufolge mehr als 5.000 Protestierende.

"Menschen gehen alle was an"

Mitten unter diesen Demonstranten halten auch die 13-jährige Sarah El Hamami und ihre gleichaltrige Freundin Denise Dan Plakate gegen das von ihnen so empfundene "Massaker in Gaza" in die Höhe. Sarah zeigt sich besonders betroffen. Die junge Palästinenserin empfindet es als eine „Unverschämtheit, dass so viele Menschen sterben und das auf so brutale Weise". Die Schülerin ortet in ihrer Klassengemeinschaft einen „Verdrängungsversuch" des Themas Gaza, dem sie damit entgegen wirkt, dass sie mit ihren Mitschülern darüber spricht und sie auch, ihrer Meinung nach, "aufklärt". Ihre griechisch-orthodoxe Mitschülerin Denise protestiert ebenfalls gegen das Blutvergießen durch Israel. Sie sei zwar keine Palästinenserin, aber "Menschen gehen uns alle was an", argumentiert sie.
Mittel zu Protest gegen den Gaza-Krieg bietet auch das Internet, wo die Petition der Kampagne „Gaza muss leben" kursiert. Der Mitinitiator Wilhelm Langthaler erachtet diese "öffentliche Aktion gegen das Embargo in Gaza" als wichtig, um ein Missfallen der Zustände in Gaza, die der Gründer der linksextremen "Antiimperialistischen Koordination" mit denen eines im Stich gelassenen Ghettos vergleicht, kundzutun. Diesem, wie es Langthaler weiters bezeichnet, "Appell gegen das mörderische Embargo" schlossen sich bisher rund 1.350 Personen an. In dieser Liste ist auch die 16-jährige Ana Sticker zu finden. Die Schülerin ist durch Internetrecherche auf die Petition gestoßen und fand in dieser ihre Meinung wieder.

"Ich verurteile die Offensive gegen Gaza, was Israel jetzt macht ist nicht richtig", so die AHS-Schülerin. Außerdem kritisiert Ana, wie auch Sarah und Denise, die einseitige Berichterstattung der hiesigen Medien, denn in diesen werde ausschließlich aus israelischer Sicht berichtet. Überhaupt fühle sich Österreich wegen den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs gegenüber Israel verpflichtet, erklärt die Kärntner Slowenin Ana. Und wenn man dann eine der wenigen sei, die Israel kritisieren, werde man sofort als Antisemit abgestempelt, bedauert sie. Gleichzeitig fürchtet sich die Kärntner Slowenin vor einer durch den Gaza-Krieg ausgelösten Ausbreitung des Antisemitismus. Denn was die Menschen nicht verstünden, sei, dass "es hier um Israelis und Palästinenser geht und nicht um Religionen generell".

Der allgegenwärtige Mossad

Unter den vielen Demonstranten bewegt sich auch die junge Seda, deren Plakat von der Verwendung von Phosphorbomben seitens des israelischen Militärs spricht, ein bislang unbestätigter Vorwurf. Seda ist der Meinung, es wiederholen sich Ereignisse der Geschichte und „die damaligen Opfer sind die heutigen Täter", so die 23-Jährige. Den Konflikt zwischen Israel und Palästina werde niemand lösen können. „Wir haben es ja in der Geschichte gesehen. Nach jeder Resolution wird alles wie immer fortgesetzt und die UNO ist ja pro-israelisch." Die jetzige Situation in Gaza zeige ihr nur, dass "Amerika überall seine Finger hat" und auch die Berichterstattung über den Krieg sei nicht wahrheitskonform: "Die ganzen Medien sind doch manipuliert", ist die Tochter von aus Österreich und der Türkei stammenden Eltern überzeugt. Während sie spricht, wird sie immer wieder von lauten „Israel Terrorist"- Rufen unterbrochen. Über ihren Nachnamen will sie keine Auskunft geben, denn sie an den langen Arm des israelischen Geheimdienstes: "Der Mossad ist heutzutage überall."

"Zweifellos Krieg gegen Bevölkerung"

Die junge Sarah spürt die Folgen des Krieges, denn einige ihrer Verwandten seien schon umgekommen, berichtet sie dem SCHÜLERSTANDARD. Dass Sarah hier in Sicherheit ist und nicht alle ihrer Verwandten im Gaza-Streifen dem Tod entkommen sind, weckt in ihr ein schwer beschreibbares Gefühl. „Ich finde es traurig", sagt sie. Zugleich kritisiert sie, dass die Hamas als terroristisch bezeichnet wird, "obwohl sie nur ihr Land verteidigen". Etwas kritischer steht Ana der Hamas gegenüber: „So eine Partei sollte nicht an die Macht kommen, die Hamas ist zu radikal." Sie sieht aber in der Militäroffensive keinen Angriff, der lediglich gegen die Hamas verläuft, denn auch sie glaubt an den Einsatz von Phosphorbomben seitens Israel und in diesem Falle „ist das zweifellos ein Krieg gegen die Bevölkerung". Die 16-jährige Schülerin einer AHS für Kärntner Slowenen fühlt sich aufgrund ihrer eigenen Wurzeln besonders mit den Palästinensern verbunden. Denn als Kärntner Slowenin kenne man so wie ein Palästinenser das Gefühl unterdrückt, besonders aber "Minderheit im eigenen Lande" zu sein. (Sara Mansour Fallah/DER STANDARD Printausgabe, 13. Jänner 2009)

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