"Benzin und Diesel gibt es noch lange"

19. Jänner 2009, 16:54
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Future-Energy-Fund-Chefin Sulzbacher: Warum die OMV Energie in Erneuerbare steckt

derStandard.at: Wir erleben gerade heftige Turbulenzen am internationalen Gasmarkt. Den OMV-Future-Energy-Fund gibt es seit 2006. Gäbe es ihn schon länger, würde uns dann der aktuelle Gasstreit kalt lassen?

Dorothea Sulzbacher: Die OMV überlegt schon lange, was der beste Weg ist, um zum klassischen Geschäftsfeld Öl und Gas auch ein zusätzliches Geschäftsfeld im Bereich Erneuerbarer Energie aufzubauen. Daraus ist vor drei Jahren der OMV Future Energy Fund entstanden.

derStandard.at: Was tun Sie da genau?

Sulzbacher: Gerade im Bereich Erneuerbarer Energie erreichen Sie klarerweise am Anfang nicht die Wirtschaftlichkeit wie im klassischen Öl- und Gasgeschäft. Wir wollten unser Know-how aus dem fossilen Bereich - zum Beispiel bei der Exploration und Produktion - für Erneuerbare nutzen - etwa bei Geothermie oder Biogas. Im Kern verhelfen wir - ausgestattet mit einem Startkapital von 100 Millionen Euro - Projekten aus den unterschiedlichen OMV Business Units, über die Wirtschaftlichkeitsgrenze zu kommen.

derStandard.at: Wie schaut diese Rechnung aus?

Sulzbacher: Ein theoretisches Beispiel: Mit einem Erneuerbaren-Energie-Projekt erreichen Sie einen Rate on Return von acht Prozent. Das ist für OMV-Verhältnisse nicht sehr hoch. Hier gilt es, über die Wirtschaftlichkeitsgrenze zu helfen. Beispielsweise wenn wir eine Machbarkeitsstudie für Biogas fördern und diese Studie ergibt: Ja es macht Sinn, in Rumänien Biogas ins Gasnetz einzuspeisen und an der Compressed Natural Gas-Tankstelle zu verkaufen, dann soll der betroffene Geschäftsbereich die Summe verfünffachen.

derStandard.at: Sie hantieren also vor allem mit Zahlen....

Sulzbacher: Die Letzt-Evaluation macht unser Beirat. Er besteht aus sieben Mitgliedern, drei kommen aus den OMV Business Units, vier von extern. Mit den externen Mitgliedern holen wir uns zusätzliche Expertise in Sachen Erneuerbarer Energie und bewerten die Projekte neben Wirtschaftlichkeit auch nach Umweltkriterien sowie sozialen und technischen Aspekten.

derStandard.at: In welcher Größenordnung bewegen sich die Unternehmungen?

Sulzbacher: Bisher haben wir mit 24 Projekten in Summe 31,2 Millionen ausgelöst. 10,5 Millionen kommen von uns, 9,9 Millionen von den Business Units und 10,8 Millionen von Projektpartnern.

derStandard.at: Bei welchen Energieformen liegen die Schwerpunkte und das größte Potenzial?

Sulzbacher: Derzeit bei Geothermie. In einem konkreten Pilotprojekt in NÖ reaktivieren wir alte Bohrlöcher mit so genannten Bohrloch-Wärmetauschern, um eine Versorgung für Wärme im Winter und Kühlung im Sommer zu gewährleisten. Das heißt, das Bohrloch, das sonst aufgelassen werden würde, weil kein Öl und Gas gefördert wird, wird für Geothermie wieder eingesetzt. Geothermie ist nicht nur in Österreich Schwerpunkt, sondern auch in Rumänien. Dort wollte man während bereits groß in Geothermie einstiegen. Der Vorteil dort ist, dass es keinen Energieeffizienzverlust bei der Lieferung an die Konsumenten gibt, da die Bohrungen in der Nähe von Haushaltsgebieten liegen.

derStandard.at: Der Ölpreis ist deutlich gefallen. Was bedeutet das für Unternehmungen wie diese?

Sulzbacher: Experten gehen davon aus, dass Erneuerbare Energien bei einem Ölpreis von 70 bis 80 Dollar pro Fass wirtschaftlich sind.

derStandard.at: Davon sind wir derzeit weit entfernt...

Sulzbacher: Warten wir ab. Da müssen wir ständig evaluieren und strategisch denken. Der Umstieg auf die Erneuerbaren wird ohnedies nicht von heute auf morgen geschehen. Auch bei der OMV wird noch lange die fossile Energie das Hauptgeschäft bleiben. Dass Erneuerbare wirtschaftlich werden, hängt natürlich auch von der Entwicklung des Ölpreises ab. Aber, Erneuerbare Energie ist ja auch ein Beitrag zum Thema Energiesicherheit.

derStandard.at: Werden uns also solche Gasstreits unberührt lassen?

Sulzbacher: Durch die Inlandsproduktion, Gasimporte aus Westeuropa und die Gasspeicher unserer Tochter EconGas ist es der OMV gelungen, die Versorgung ihrer Kunden im vollen Umfang zu gewährleisten. Das Nabucco Projekt und auch der OMV Future Energy Fund sind weitere Schritte Richtung verstärkter Energiesicherheit. Schon lange vor dem OMV Future Energy Fund war die OMV sehr aktiv. Wir haben 1984 das erste bleifreie Benzin in Österreich produziert, 1997 die erste Erdgastankstelle eröffnet, seit 2000 ist der erste schwefelfreie Kraftstoff in Österreich im Einsatz.

derStandard.at: Aber sind wir in Österreich in Sachen Abhängigkeit von russischem Gas nicht genau dort, wo wie vor drei Jahren waren, als uns das Thema zuletzt intensiv beschäftigte?

Sulzbacher: Im OMV Future Energy Fund arbeiten wir daran, um eben erneuerbare Energien als festen Bestandteil im Energieportfolio zu integrieren und Alternativen zu bieten.

derStandard.at: Wie schaut die langfristige Planung des OMV Future Energy Funds in Zahlen aus?

Sulzbacher: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt schwer beziffern. Ich glaube nicht, dass es die eine Erneurbare Energie gibt. Wir müssen da sehr breit aufgestellt sein. Was das klassische fossile Geschäft betrifft, hier geht es verstärkt darum, noch mehr CO2 zu reduzieren und zum Beispiel in die auch von der EU im Klimapaket geförderte Technologie Carbon Capture and Storage zu investieren. Mit dieser Methode wird CO2 bei der fossilen Gewinnung abgetrennt und wieder in die ursprüngliche Öl- und Lagerstätte zurück injiziert. Österreich hat theoretisch um die 465 Millionen Tonnen Speichermöglichkeiten. Realistisch sind es 200 bis 300 Millionen Tonnen. Wir schauen uns an, wie hoch das Potenzial wirklich ist, und welche Technologie man für die Abtrennung verwenden muss.

derStandard.at: Wann können solche Projekte in die Praxis umgesetzt werden?

Sulzbacher: Das dauert sicher noch einige Jahre. Aber neben der Geothermie, haben wir ein weiteres sehr konkretes Projekt. Da geht es um virtuelles Biogas. Biogas wird in Bruck an der Leitha gereinigt und ins normale Erdgasnetz eingespeist. Erdgas muss eine Qualität von 98 Prozent Methan haben. Biogas hat das am Anfang noch nicht. Hier versuchen wir mit Projektpartnern das Biogas zu reinigen, ins Gasnetz einzuspeisen und mittelfristig an der Compressed Natural-Gas-Tankstelle zu verkaufen. Das sind die am weitesten fortgeschrittenen Projekte. Wir schauen uns also jede Erneuerbare Energie an.

derStandard.at: Wie sieht es mit Biodiesel aus? Der ist ja zuletzt arg in Verruf geraten.

Sulzbacher: Wir begrüßen, dass die EU Ziele vorgibt. Was wir fördern, ist Biokraftstoff für die zweite Generation, wo man auch Stroh oder Holz verwenden kann, anstelle von Lebensmittelpflanzen. Die erste Generation sehen wir durchaus kritisch.

derStandard.at: Wasserstoffautos sind heute eigentlich nichts Ungewöhnliches mehr. Auf der Straße findet man sie aber nicht. Woran liegt es, dass sich diese Alternativen gegenüber Benzin und Diesel nicht behaupten können?

Sulzbacher: Es hat schon vor 40 Jahren geheißen, Wasserstoff ist die Zukunft. Wir fördern auch zwei Projekte, glauben aber, dass die Zukunft eher Richtung Stromautos geht. In 20 Jahren wird man die ersten 50 bis 100 Kilometer mit Strom fahren und dann auf flüssig umschalten. Unsere Arbeit gilt der Bemühung, dass der Strom aus erneuerbaren Quellen kommt, deswegen die Aktivitäten in diesem Bereich.

derStandard.at: Benzin und Diesel werden uns auf den Straßen noch lange begleiten?

Sulzbacher: Ja, den Verbrennungsmotor wird es noch lange geben und Benzin und Diesel wird es noch lange geben. Der Übergang könnte auch Richtung Gas gehen, deswegen Biogas - aber langfristig wird es wie gesagt das Elektroauto sein. Realistischerweise in 20 Jahren.

derStandard.at: Werden wir auch mit Technologien konfrontiert werden, die wir uns noch gar nicht vorstellen können?

Sulzbacher: Es gibt ganz innovative Ideen. Zum Beispiel funktioniert in einer Diskothek in Rotterdam die Energiegewinnung durch eine Metallfläche, die beim Tanzen schwingt und dadurch Strom erzeugt. Oder das Thema Algen. Algen lieben CO2. Denkbar wäre, dass man Algen züchtet und daraus Biotreibstoffe bzw. Biogas produziert oder die Algen direkt für die Energiegewinnung einsetzt. Da tut sich einiges. (Regina Bruckner)

 

  • Den Schwerpunkt sieht Dorothea Sulzbacher derzeit bei Geothermie. "In einem konkreten Pilotprojekt in NÖ
reaktivieren wir alte Bohrlöcher mit so genannten
Bohrloch-Wärmetauschern, um eine Versorgung für Wärme im Winter und
Kühlung im Sommer zu gewährleisten."
    foto: bruckner

    Den Schwerpunkt sieht Dorothea Sulzbacher derzeit bei Geothermie. "In einem konkreten Pilotprojekt in NÖ reaktivieren wir alte Bohrlöcher mit so genannten Bohrloch-Wärmetauschern, um eine Versorgung für Wärme im Winter und Kühlung im Sommer zu gewährleisten."

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