"90 Prozent der Agenturen leben in Angst"

19. Jänner 2009, 15:52
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Gert Winkler, er gewann mit Men-Zigaretten den bisher einzigen heimischen Filmlöwen in Cannes, übergibt die Tale Filmproduktion seinem Sohn Moritz - Über Angst als schlechten Ratgeber, Not als besten Lehrmeister und Spielfilmprojekte sprach er mit etat.at

Gert Winkler holte 1985 für Österreich den bisher einzigen Filmlöwen in Cannes und gründete im selben Jahr die Tale Filmproduktion. Am Dienstag übergibt er die Firma offiziell seinem Sohn, "Moritz macht seine Sache bestens, und ich kann mich ungestört meiner Leidenschaft, dem Drehbuch widmen", erzählt er im etat.at-Interview. "Angst ist ein schlechter Ratgeber", so Winkler zur aktuellen Krise, "neunzig Prozent der Agenturen leben in Angst".

etat.at: Ich hab' eigentlich schon noch erwartet, dass Sie - nach Bronze für Men Zigaretten in den 1980-ern - einen zweiten Filmlöwen aus Cannes holen, bevor Sie in Pension gehen.

Winkler: Zugegeben, der Löwe in Cannes war der Anlass für die Gründung einer eigenen Filmproduktion. Ich dachte, wenn ich als Filmproduzent mit mehr als einer Werbeagentur (GGK) zusammenarbeite, habe ich mehr Chancen für weitere Erfolge des heimischen Werbefilms zu sorgen. Aber in Österreich entwickeln sich die Dinge eben nicht logisch, sondern launisch. Ich habe in Cannes noch einen Prix Nation für Gösser eingefahren, ein paar Staatspreise und Topspots, aber das wars auch schon.

etat.at: Warum tut sich Österreich gerade in der Königsdisziplin Film international so schwer?

Winkler: Gute Frage. Im Bereich Spielfilm hat sich Österreich bedeutend besser entwickelt. Albert, Glawogger, Haneke, Seidl, die Liste derer, die sich einen Namen machen, wird immer länger. Unser Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky dreht immmer noch brav Werbung. Ich würde sagen, an den Filmleuten kann es nicht liegen. Also dürfen sich die Auftraggeber und ihre Werbeagenturen um das Bummerl streiten.

etat.at: Setzen Sie sich schon zur Ruhe? Ihr Sohn Moritz übernimmt die Führung der Tale, bleiben Sie an Bord? Was machen Sie weiter?

Winkler: Die interne Hofübergabe ist schon vor gut einem Jahr passiert. Der Change am 20. Jänner ist die offizielle Bekanntmachung einer inzwischen erprobten Tatsache. Moritz macht seine Sache bestens, und ich kann mich ungestört meiner Leidenschaft, dem Drehbuch widmen. Eines ist schon fertig, das zweite in Arbeit.

etat.at: Drehbuch?  

Winkler: Spielfilm. Produktion bereits interessiert. Später mehr.

etat.at: Sie haben  jetzt ein paar Jahrzehnte Werbung in Österreich miterlebt und mitgestaltet. Was hat sich für Sie Wesentliches geändert - was zum Besseren, was zum Schlechteren?

Winkler: Das Einbrechen der Wirtschaft seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts wirft lange Schatten in die Zukunft. Nicht nur Finanzbetrater und Autohersteller haben an Vertrauen eingebüßt. Auch die Werbeberater haben heute ein schlechteres Standing beim Kunden. Vertrauensbildene Maßnahmen brauchen ihre Zeit.

etat.at: Werbewort der Jahre 2008/2009, hoffentlich nicht auch noch 2010 ist wohl "Krise". Wie wirkt sie sich auf die Werbebranche und ihre Arbeiten aus?

Winkler: Neunzig Prozent der Agenturen leben in Angst. Das war in Konjunkturzeiten so, in Krisenzeiten kommen zu den eingebildeten echte Gründe, Angst zu haben. Angst ist ein schlechter Ratgeber.

etat.at:  Mit Saatchi zieht sich ein erster Multi aus Österreich zurück? Rechnen Sie damit, dass das Schule macht?

Winkler: Die zehn größten Agenturen des Landes haben nahezu alle Fernsehkunden (Kunden, die groß genug für Fernsehwerbung sind). Fällt ein Player aus, verteilt sich das Geschäft auf die anderen. Wenn Kreativität das wesentliche Asset einer Werbeagentur ist, ist Konzentration angesagt. Zählt man die kreativen Kreativen des Landes, reicht es kaum für fünf Agenturen.

etat.at: Die Krise als Chance, heißts gern: Welche sehen Sie?

Winkler: Alle sagen, ungewöhnliche Situationen verlangen ungewöhnliche Maßnahmen. Vielleicht kommen Werbeideen, die noch nicht im Lehrbüchl stehen. Man sagt doch, die Not sei der beste Lehrmeister.

etat.at: Wie spürt eine Filmfirma wie die Tale die Krise?

Winkler: Die Tale Filmproduktion war schon vor dem Crash der Lehmann Brothers schlank aufgestellt. Kunden wie Billa oder bwin werden nicht so schnell eingehen. Alles roger. (fid)

Zur Person

Gert Winkler
, geb. 1942, war Creative Direktor der GGK und dort für legendäre Kampagnen u.a. für Kodak, BP, Römerquelle, Fiat, Palmers zuständig. 1979 gründete er gemeinsam mit Günter Lebisch und Michael Satke den "Wiener". 1985 gründete er die Tale Filmproduktion, die er nun offiziell seinem Sohn übergibt. Moritz Winkler, geboren 1977, studierte an der London International Film School und ist Regisseur und Kameramann.

  • Gert Winkler übergibt seine Tale Filmproduktion an Sohn Moritz und will sich mehr seiner Leidenschaft, dem Drehbuch, widmen.
    foto: tale

    Gert Winkler übergibt seine Tale Filmproduktion an Sohn Moritz und will sich mehr seiner Leidenschaft, dem Drehbuch, widmen.

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