Die Abrechnung der Vienna Capitals

19. Jänner 2009, 14:16
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Caps-Vizepräsident Martin Platzer übt heftige Kritik an Stadtregierung und Eishockey-Verband - Häupl-Vorschlag einer Skisprung­schan­ze sei "ein Schlag ins Gesicht"

Wien - Der scheidende Vizepräsident der Vienna Capitals, Martin Platzer, hat am Sonntag die Wiener Stadtregierung sowie den heimischen Eishockey-Verband heftig kritisiert. Es fehle an Rahmenbedingungen, die für eine Steigerung im sportlichen wie im Event-Bereich notwendig wären. Platzer sprach dabei von mangelhafter Infrastruktur in der Schultzhalle, Beleuchtung und Beschallung entsprächen nicht mehr dem heutigen Standard, ein Videowürfel fehle, die Halle bräuchte ein Fassungsvermögen von mindesten 6.500 bis 7.000 Plätzen und einen VIP-Bereich mit ausreichend Logenplätzen.

"Schlag ins Gesicht"

"Wenn man dann aber in den Zeitungen liest, dass sich die Wiener Politik keine Gedanken über eine neue Eishalle macht, stattdessen aber über eine Skisprungschanze nachdenkt, dann ist das für mich ein Schlag ins Gesicht", nachdem wir seit vielen Jahren darum kämpfen, eine entsprechende Infrastruktur zu bekommen", erklärte Platzer, der sich auch verärgert darüber zeigte, dass in der Donaustadt zwar eine Skihalle gebaut wird, die geplante Mehrzweckhalle aber trotz bestehender Konzepte bisher nicht realisiert wurde.

Zu wenig Eiszeit

Das Nachwuchsförderungsprojekt Junior Capitals funktioniere auch nicht nach Wunsch, weil der Verband nicht die notwendige Unterstützung biete und sich nicht genügend für den Bau neuer Eishallen einsetze. "In Österreich gibt es 35 bis 40 Eishallen, in der Schweiz 150", gibt Platzer zu bedenken. Der Mangel an Eiszeit für den Nachwuchs sei ein eklatanter, schließlich müsse man sich die Schultzhalle auch noch mit anderen Sportarten wie Shorttrack oder Curling teilen. "Wenn man für die U17 und die U20 nur zwei Trainings-Eiszeiten in der Woche bekommt, auf welches Niveau soll man die Spieler dann bringen? Da sind wir am Ende," beklagt Caps-Manager Kornhoff die nahezu aussichtslose Situation im Bereich Nachwuchsförderung.

Probleme mit dem Verband

Aber nicht nur die mangelnde Kooperations-Bereitschaft der Stadt, sondern auch die Probleme mit dem Verband haben den Caps-Vize verärgert und schließlich zum Rückzug bewogen. "Unsere Inputs, die wir einbringen wollen, werden reaktionsmäßig abgeschmettert, alles was von Wien oder von Salzburg kommt, wird von vornherein abgelehnt", so Platzer. Der Vorschlag, regionale Nachwuchsmeisterschaften zu etablieren, wurde sofort verworfen, die Junior Capitals müssen zum Beispiel die strapaziöse Reise zu Bregenzerwald nach Vorarlberg antreten und im Falle von Regenwetter wieder unverrichteter Dinge zurückfahren, weil dort unter freiem Himmel gespielt wird.

Finanzielle Streitpunkte

"Der Verband ist hier völlig unflexibel und in Wirklichkeit wird die Liga vom Verband dazu verwendet, um sich selbst gut darzustellen. Die Ligavermarktung ist stecken geblieben. Seit es mit der Erste Bank einen Hauptsponsor und mit Premiere einen Medienpartner gibt, ist nichts mehr weitergegangen, gab es keine weiteren Sponsoren mehr. Und die Sponsorgelder - das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen - gehen zu zwei Dritteln an die Administration, an Liga und Verband und nur ein Drittel bekommen die Vereine. Da stellt sich natürlich die Frage, warum macht man das Ganze?"

"Die Liga hat es nicht geschafft, sich vom Eishockey-Verband zu trennen, sich selbst zu etablieren. Der Verband ist bestimmend in allen Dingen und es passiert immer das, was sich einzelne Vereine, die eine starke Nähe zum Verband haben, wünschen. Das ist mit ein Grund, warum ich sage, das hat keinen Sinn", so Platzer.

Legionärs-Regelung

Einen stets diskussionswürdigen Dauerbrenner stellt die Legionärs-Regelung dar. In dieser Frage sehen sich die Capitals als Pioniere. "Mit der Forderung nach einer Freigabe sind wir wahrscheinlich ein paar Jahre zu früh gekommen, aber man darf sich auch nicht den Entwicklungen entgegenstellen, Österreich liegt nicht mehr am Rande der EU, sondern mitten drin. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis in allen Sportarten ein EU-Bürger auch ein Bürger des jeweiligen Landes ist."

In Finnland soll diese Gleichstellung übrigens schon ab nächstem Jahr gelten. "Die Finnen hatten das gleiche Problem wie wir vor Jahren, nämlich dass die finnischen Spieler zu teuer geworden sind." Im österreichischen Fußball sei man stolz auf die vielen Legionäre, dies gelte aber nicht im Eishockey. "Wenn ein österreichischer Nachwuchsspieler, zum Beispiel Andreas Nödl in Nordamerika spielt, dann heißt es, die Wiener vertreiben Spieler, über solche Dinge muss ich den Kopf schütteln."

Ungewisse Zukunft

Ob und in welcher Form es die Capitals in der nächsten Saison geben wird, steht aktuell noch in den Sternen. "Garantieren kann man gar nichts, weder dass es einen Verein gibt, noch dass es keinen gibt", so Platzer. Die Kaderplanung für die kommende Saison bestehe vorerst nur auf Papier, Verträge könnten jedoch erst verlängert werden, wenn der ebenfalls amtsmüde Präsident Hans Schmid seine persönliche Entscheidung bekanntgibt. Diese soll Ende Jänner, Anfang Februar fallen.

Die Liga kündigte am Sonntag in einer Presseerklärung an, mit den Wienern "ehestmöglich das Gespräch zu suchen". EBEL-Präsident Karl Nedwed will alles daran setzen, dass die Vienna Capitals auch in den nächsten Jahren am Ligageschehen teilnehmen. (Thomas Hirner, derStandard.at, 19. Jänner 2009)

  • Capitals-Vizepräsident Platzer (li): "Wenn man in den Zeitungen liest, dass sich die Wiener
Politik keine Gedanken über eine neue Eishalle macht, stattdessen aber
über eine Skisprungschanze nachdenkt, dann ist das für mich ein Schlag
ins Gesicht" - Caps-Manager Kornhoff (re): "Wenn man für die U17 und die U20 nur zwei Trainings-Eiszeiten in der
Woche bekommt, auf welches Niveau soll man die Spieler dann bringen?"
    foto: derstandard.at/hirner

    Capitals-Vizepräsident Platzer (li): "Wenn man in den Zeitungen liest, dass sich die Wiener Politik keine Gedanken über eine neue Eishalle macht, stattdessen aber über eine Skisprungschanze nachdenkt, dann ist das für mich ein Schlag ins Gesicht" - Caps-Manager Kornhoff (re): "Wenn man für die U17 und die U20 nur zwei Trainings-Eiszeiten in der Woche bekommt, auf welches Niveau soll man die Spieler dann bringen?"

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