Auf Lincolns Spuren nach Washington - mit Video

18. Jänner 2009, 19:49
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Der designierte US-Präsident reiste im Zug in die Hauptstadt - Zwischen Jubel warnte er aber auch: „Wir werden Geduld haben müssen."

Vier sind es. Vier Flaggen hängen an der Fassade, senkrecht, so hoch wie die neogriechischen Säulen des Kriegsdenkmals, vor dem Barack Obama friert und bei minus sieben Grad eine Rede hält. Es ist die übliche, die patriotische Kulisse. Wo immer der neue Präsident auftritt, umgibt ihn ein Wald von Sternenbannern. Aber hier in Baltimore hat es einen tieferen Sinn.

Nach drei Sätzen blendet Obama zurück, auf eine Schlacht vor fast 200 Jahren. In Washington liegt das Weiße Haus in Schutt und Asche, eine britische Armee rückt auf Baltimore vor, vor der Stadt kreuzt die übermächtige Flotte der früheren Kolonialmacht, die nun auf Rache sinnt. Im Fort McHenry setzen sich die Amerikaner erbittert zur Wehr, und am Ende einer langen Nacht hissen sie stolz eine zerschlissene Flagge. Die Szene hat den Poeten Francis Scott Key inspiriert, „The Star-Spangled Banner" zu dichten, die Hymne der Vereinigten Staaten. „Dasselbe Durchhaltevermögen, denselben Willen brauchen wir heute", schwenkt Obama zur Gegenwart. Zwei Kriege, einer im Irak, der andere in Afghanistan, die Finanzkrise, ein sich erwärmender Planet - mit dem Mut der Verteidiger Baltimores lasse sich jedes Problem lösen.

 

Alter Kampfgeist

Es ist die Melodie, wie er sie seit zwei Jahren anschlägt, seit er seinen Hut in den Ring warf. Keine Hürde sei hoch genug, als dass amerikanischer Kampfgeist sie nicht nehmen könne. Immer hat Obama dabei zurückgeblendet auf die Geschichte, und am Samstag setzte er allem die Krone auf. Er fährt Zug, rund 200 Kilometer entlang der Atlantikküste. Von Philadelphia, wo die Republik 1776 ihre Unabhängigkeit proklamierte, geht es nach Washington. Obama sitzt in einem 80 Jahre alten Waggon und freut sich wie ein Bub, wenn er zwischendurch hinaus auf die offene Plattform läuft, an einem Hebel zieht und ein Pfeifen ertönt. „Zum Hupen bist du nie zu alt", kalauert er.

Neben ihm belegen geladene Gäste das betagte Abteil, etwa Lilly Ledbetter, die in einer Reifenfabrik in Alabama dagegen aufbegehrte, dass sie für dieselbe Arbeit weniger verdiente als ihre männlichen Kollegen. Oder Matt Kuntz. Der Absolvent der Militärakademie West Point begann traumatisierte Irak-Veteranen zu betreuen, nachdem sein Stiefbruder Chris, vom Kriegseinsatz zurückgekehrt, Selbstmord begangen hatte.

Beim Zwischenstopp in Wilmington setzt einer der ausdauerndsten Bahnkunden der USA seinem Pendlerdasein so etwas wie ein feierliches Ende. Seit 1973 verbrachte Joe Biden, der nunmehr als Vizepräsident in die Kapitale zieht, an fast jedem Wochentag drei Stunden im Zug. Morgens fuhr er von Wilmington, wo er nach dem Tod seiner ersten Frau wohnen blieb und wo er zwei Söhne alleine erzog, nach Washington, wo er im Senat saß. Abends ging es zurück. Biden zelebriert seinen Abschied, indem er mit jedem verfügbaren Schaffner in anekdotengespickten Erinnerungen schwelgt.

Vor allem aber ist es eine Fahrt mit historischen Parallelen, gewollten Parallelen. Dieselbe Strecke hat Abraham Lincoln genommen, bevor er sich 1861 in der Hauptstadt vereidigen ließ. Es ist Lincoln, der Mann, der die Sklaverei abschaffte und die amerikanische Union bewahrte, auf den sich Obama, so oft es geht, beruft. Einen kleinen, aber feinen Unterschied haben seine Berater jedoch übersehen. Lincoln reiste damals buchstäblich bei Nacht und Nebel. Sein Detektiv Allan Pinkerton hatte ihn vor einem Komplott gewarnt: In Baltimore würden zornige Anhänger der Südstaaten versuchen, ihn zu ermorden. Es war gegen 3.30 Uhr, als Lincoln unbemerkt durch die Hafenstadt rollte. Um die Verschwörer zu täuschen, hatte er den Nachtzug genommen.

Auf Obama haben sie den ganzen Tag gewartet in Baltimore. Als er endlich eintrifft, stehen vierzigtausend Fans auf der War Memorial Plaza, einem zugigen Platz hinterm Rathaus. Die Kälte klirrt, manche haben sich Skimasken über die Gesichter gezogen, alle tanzen zum Rhythmus der Musik, damit die klammen Füße nicht zu Eisklumpen werden. Ein Gospelchor singt von „Harmony", und Cynthia Dorsey, gehüllt in einen dicken Pelzmantel, redet vom Wirtschaftsaufschwung.

„Wir brauchen Hoffnung. Und du fühlst dich gleich besser, wenn du ‚Yes we can‘ rufen kannst." Sie grinst und lacht und tanzt, die Mittfünfzigerin, zeigt auf die vielen Obama-Mützen, Obama-Anoraks, Obama-Anstecker und sagt: „Das hat den Konsum doch schon angekurbelt." Man spürt die Erwartung, dass sich alles rasch bessern möge, sobald der Neue im Oval Office regiert. Der prominente Zugpassagier weiß, dass er sie dämpfen muss. „Es wird Fehlstarts und Rückschläge geben, Frustrationen und Enttäuschungen", sagt er. „Ich werde ein paar Fehler machen. Wir werden Geduld haben müssen." (Frank Herrmann aus Baltimore/ DER STANDARD Printausgabe, 19.1.2009)

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    Barack Obama und Joe Biden reisten in einem historischen Pullman-Wagen von Baltimore in die amerikanische Hauptstadt. Obama zog bei jeder Gelegenheit an der Pfeife des Waggons.

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