Die gemobbte Rektorin

18. Jänner 2009, 20:12
179 Postings

Wie Ingela Bruners Krebserkrankung instrumentalisiert wurde, um sie loszuwerden

Wien - Nur neun Tage fehlen noch zu einem besonderen Jubiläum: Am 28. Jänner hätte Österreich genau ein Jahr Amtszeit der ersten Rektorin einer staatlichen Universität zu feiern - hätte, weil Ingela Bruner dann gar nicht mehr Chefin der Universität für Bodenkultur (Boku) ist. Denn Bruner ist massiv unter Druck geraten - in einer Weise, die von Beobachtern als Mobbing bezeichnet wird.

Mobbing, weil gegen die 56-jährige Maschinenbauerin an der Boku-Spitze mit Geschützen aufgefahren wird, die in einem akademischen Umfeld besonders irritieren. So tauchte im Dezember 2008 ein anonymer Brief "Pro Boku" und kontra Bruner auf. Das Papier wird von Uni-Insidern als von außen, von einem abgelehnten Jobbewerber kommend, eingestuft, dürfte aber den uniinternen Bruner-Gegnern, die ihre Demontage wollen, durchaus zupassgekommen sein.

Tiefpunkt war aber sicher die Instrumentalisierung von Bruners Krebserkrankung, die die gebürtige Schwedin in skandinavischer Transparenztradition sofort nach der Diagnose offen mitgeteilt hat. Ihr soll von mehreren Seiten unmissverständlich mitgeteilt worden sein, sie möge "krankheitsbedingt" ihr Amt zurücklegen und möglichst lautlos ausscheiden.

Dabei erinnern die Vorgänge um Rektorin Bruner an das, was schon ihrem Vorgänger Hubert Dürrstein widerfahren ist. Auch er wurde in Scharmützel mit dem Senat hineingezogen und letztendlich als Rektor nicht mehr wiederbestellt.

Hauptproblemzone scheint die Nahtstelle zwischen Rektorat und Senat zu sein. Dem Vernehmen nach funktioniert sie in Fragen der Lehre problemlos. Konfliktstoff bietet aber die Tatsache, dass der einstmals sehr mächtige Senat mit dem Universitätsgesetz (UG) 2002 mehr oder weniger entmachtet wurde.

Der Senat ist nun in vielen Fällen auf Vorlagen aus dem Rektorat angewiesen, und es mag für einige Mitglieder dieses uniinternen Gremiums ein Kulturschock sein, dass die von der Politik auferlegten neuen Leitungsstrukturen alte Machtgefüge ins Wanken gebracht haben. So sind jetzt etwa die Leiterinnen und Leiter der 15 Departments der Boku, die laut UG auch Mittelbauvertreter sein können (und sind), deutlich stärker in interne Entscheidungsprozesse eingebunden.

Auch dass Ingela Bruner und ihr Vizerektorenteam dafür bekannt sind, ihre Unterschriftsleistungen unter diverse Anträge "sehr ernst zu nehmen", also detaillierte, korrekte Unterlagen zu verlangen, könnte Unmut erregt haben.

Wie am Sonntagabend bekanntwurde, hat Bruner für heute, Montagvormittag, eine Pressekonferenz einberufen. In Anbetracht eines fertigen Rohentwurfs für die Leistungsvereinbarung mit dem Wissenschaftsministerium ist zumindest nicht zu erwarten, dass die erste und einzige Rektorin "krankheitsbedingt" zurücktritt. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 19.1. 2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die erste Rektorin in Österreich: Ingela Bruner an der Boku.

Share if you care.