Schüsse auf den Luftballon

18. Jänner 2009, 18:27
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Forced Entertainment im Wiener Tanzquartier

Wien - Wir wissen nicht, was mit ihrer Welt passiert ist; weder Kim noch Jackson, die Protagonisten in dem Fotoroman Void Story der britischen Performancegruppe Forced Entertainment, wollen es verraten. Am Ende steht allerdings fest, dass bereits die Work-in-Progress-Version dieser Arbeit, die das Tanzquartier Wien im Rahmen seiner Programminsel leer als Uraufführung zeigte, einen besonderen Platz im zeitgenössischen Theater einnimmt: als überzeugende Performanceversion einer Graphic Novel.

Eine verlorene Welt in Schwarz-Weiß. Kim und Jackson starren aus einem Fenster ins Triste. Sie wollen weg. Es läutet an der Tür. Schüsse fallen, Kim wird getroffen. Eine Odyssee beginnt, und sie führt die beiden nirgendwo hin. Ab und zu läutet ein Telefon.

Seltsame Anrufer verlangen Spenden. Es gibt Angriffe, Verfolgung und Flucht. Explosionen, Verbrechen und Geister. Ständige Lebensgefahr. Die beiden Figuren leben in einer Fiction-Welt, und diese folgt ihrer eigenen Logik. Im Vergleich zur Wirklichkeit, wie wir sie uns vorstellen, ist sie so weit verschoben, dass sie einem Albtraum ähnelt. Kim und Jackson begegnen einem Kind, dessen Luftballon sich in den Ästen eines Baums verfangen hat. Jackson will dem Kind helfen, klettert hoch - und stürzt ab. "Mein Ballon!", ruft das Kind beleidigt. "Jetzt werden ihn die Scharfschützen bekommen!" Gewehrfeuer. Der Ballon platzt. Reste von Altruismus werden ad absurdum geführt.

Diese Endzeitgeschichte ist mit jenem trockenen britischen Humor unterfüttert, für den Forced Entertainment berühmt ist. Ihr Ausmaß an Reflexion kann als Markenzeichen von Regisseur Tim Etchells gelten. Void Story handelt die Anti-Utopie als narratives Genre ab, spielt ihre Stereotype gegen ihre Absurdität aus. Etchells, dessen bildmediale Arbeit viel unbekannter ist als seine Texte und Inszenierungen, zeichnet hier auch für die Visuals verantwortlich: aus Fotomontagen generierte, in die Ästhetik der Graphic Novel überführte Bildersequenzen, die auf eine große Leinwand projiziert werden, an deren beiden Seiten je ein Tisch steht. An ihnen sitzen ein Mann und eine Frau, sie sprechen die Dialoge und erzeugen die Sounds.

Es ist ein Doppelspiel um eine Leerstelle: den Verlust der Utopie, die Ungewissheit der Zukunft, die Unmöglichkeit von Optimismus in einer Gegenwart, deren Projekte zunehmend Sicherungs- und Reparaturmaßnahmen darstellen. Londonreisende werden die endgültige Premierenfassung dieser Arbeit ab dem 21. April im Soho Theatre in der Dean Street im Rahmen des Spill-Festivals sehen können. Sie sollten die Gelegenheit nicht versäumen. (Helmut Ploebst//DER STANDARD, Printausgabe, 19. 1. 2009)

  • Tim Etchells, Mastermind von Forced Entertainment.
    foto: t. etchells

    Tim Etchells, Mastermind von Forced Entertainment.

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