"Land in Sicht. Oder: Land in sich"

18. Jänner 2009, 18:17
posten

In seinem jüngsten Buch "Diskrete Stetigkeit" verknüpft der Dichter Oswald Egger Poesie und Mathematik

Am Dienstag erhält er in Wien den H.-C.-Artmann-Preis.

***

Wien - In den Wald führt Oswald Egger die Leser in seinem jüngsten Buch Diskrete Stetigkeit. Der Band erschien in der vom Suhrkamp Verlag neugegründeten "Edition Unseld", deren reizvolles Vorhaben darin besteht, Natur- und Geisteswissenschaften von Neuem miteinander ins Gespräch zu bringen. Der Südtiroler Lyriker, der sich seit Jahren intensiv mit der Anwendbarkeit mathematischer Logik auf die Sprache befasst, ist einer der ersten Dichter, die in der wissenschaftlichen Reihe publizieren. Wie der Untertitel verrät, betrachtet Oswald Egger auf ebenso verspielte wie kluge Weise die Berührungspunkte von Poesie und Mathematik. Und Leben. Morgen, Dienstag, erhält er in Wien den mit 10.000 Euro dotierten H.-C.-Artmann-Preis. Anlässe für ein Gespräch über das Dasein zwischen den Bäumen.

Standard: Begeben wir uns also in den Wald. Oder wir sind schon darin. "Mitten im Leben", beginnt Ihr Buch, "fand ich mich wieder wie in einem Wald (ohne Weg.)"

Egger: Wenn du im Wald bist, bist du immer in der Mitte. In der Mitte des eigenen Gesichtskreises. Überall, wohin du schaust, ist ein Baum. Auch wenn der Wald schütter bestückt ist. Wenn du weiter gehst, geht es weiter. Das ist eines der Grundbilder, die mich faszinieren. Das andere Bild ist ein Kinderrätsel. Wie weit ist es möglich, in den Wald hineinzulaufen? - Bis zur Mitte, weil dann läuft man wieder hinaus.

Standard: Eine Frage der Perspektive also, eines anderen Blicks.

Egger: Ja, das ist ein Moment, der mich an dieser Mathematik sehr interessiert: Irgendwann im 19. Jahrhundert hat man angefangen, die Vorgänge, die Gebilde, intrinsisch zu denken - also vom Gegenstand aus. Mit einer leicht verqueren Metapher: Nicht der Frage nachzugehen, ob Gott würfelt, oder ob die Wirklichkeit einen Gott braucht, der würfelt. Sondern die Frage zu stellen: Wie sieht die Welt aus, durch die Würfelaugen gesehen?

Standard: Das klingt nach Mathematik, aber auch nach einem Spiel.

Egger: Es geht in die Richtung, wie, nach Jean Paul, die Kinder spielen. Sie spielen nicht um etwas, sondern sie spielen ums Spiel. Spielen als Form des Nichtstuns. Als Form des Tuns des 'Nichts, das ist'. Kein Spiel mit Einsatz. Man tut es, weil man es tut. Das einzige 'weil', das zulässig ist.

Standard: Eine Form der Genügsamkeit.

Egger: Um bei Jean Paul zu bleiben: das Glück in der Beschränkung. Wie das Schulmeisterlein Wuz im Auenthal. Wuz lässt sich alljährlich von der Buchmesse in Leipzig den Messkatalog schicken. Er studiert ihn und streicht alles an, was ihn interessiert. Dann setzt er sich hin und schreibt sie, die Bücher. Da ist beispielsweise ein Buch erschienen von einem gewissen Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Das hat ihn wahnsinnig interessiert. Also schreibt er es. Fürs Bestellen hat er kein Geld - oder er kommt gar nicht drauf. Es genügt ihm, die Bücher selber zu schreiben. Das Buch besteht aus allem, was ihm dazu einfällt. Er notiert sich gleich, ohne den Umweg über Kant, das, was ihn daran interessiert.

Standard: Womit wir wieder im Wald wären. Im Zentrum des eigenen Gesichtskreises. Dann wäre der Weg nach vorn nur scheinbar, eine Illusion?

Egger: Man kann den Gesichtskreis erweitern, nicht verändern. Denkbar wäre, ihn so weit auszudehnen, bis er unendlich wird.

Es ist ja viel angenehmer, wenn man weiß oder erfährt, dass der Gesichtskreis mitgeht, wann immer man einen Schritt macht. Dann weißt du, du kannst tausend Schritte tun, es wird immer die gleiche Situation sein. Es gibt viele Vor-Gänge, die wollen irgendwohin kommen. Zwei, drei Sprünge nach Jerusalem. Also abendländisch metaphorisch: zur Erlösung, zur Ruhe. Realgeschichtlich weiß man ja, welche Folgeprobleme das bringt. Da meinen manche, sie müssten wirklich nach Jerusalem reiten - und hauen sich die Köpfe ein.

Standard: Eine Verwechslung. Man kann im himmlischen Jerusalem nicht ankommen. Was also tun?

Egger: Wenn Jerusalem unendlich weit weg ist, dann macht es keinen Sinn mehr, dorthin reiten zu wollen. Dann gibt es kein näher oder weiter weg. Dann kann der eine von hier losreiten, der andere von dort. Sie sind gleich weit entfernt. Hier hilft die Mathematik. Sie weiß, wenn man das umdreht, dann kann man in den Augen des Unendlichen, also vom Unendlichen aus gesehen - oder sagen wir jetzt, von Jerusalem aus - auf die Reiter schauen. Dann sieht man, es ist Unfug, Vorsprung zu haben. Es gibt sowieso keine Ankunft. Das ist das Problem des Unendlichen.

Standard: Ein endloser Ritt.

Egger: Meine liebste Geschichte von Franz Kafka ist Das nächste Dorf: "Mein Großvater pflegte zu sagen, ich verstehe nicht, wie ein junger Mensch heute auf ein Pferd aufsteigen kann, um damit ins nächste Dorf zu reiten, wo doch ein gewöhnlich ablaufendes Leben, von anderen Umständen ganz abgesehen, bei weitem nicht ausreicht für einen solchen Ritt." Er redet nicht von Jerusalem, sondern nur vom nächsten Dorf. Mein Jerusalem ist das nächste Dorf. Im Wuz'schen Auge.

Standard: Also auch im nächsten Dorf keine Ankunft?

Egger: Ich kann nie ankommen, aber ich kann immer schon angekommen sein. Also Gelassenheit in dem Sinn: Dann kann man das Tun lassen. Man kann es auch lassen.

Standard: Und sich den Wald ansehen, statt Aus-Wege zu suchen?

Egger: Es ist der Unterschied, seine Neugier, die sich sonst an einem Heureka orientiert, das lautet "Land in Sicht", etwas zu kürzen: "Land in sich". Das ist eine andere Verfahrensweise, ein anderes Erkenntnisinteresse. Mehr Wohlgefallen als interesselos. Es ist angenehmer. (Cornelia Niedermeier//DER STANDARD, Printausgabe, 19. 1. 2009)

Oswald Egger: Diskrete Stetigkeit. Poesie und Mathematik. 160 Seiten / 10 Euro. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008.

Dienstag, 20. 1., um 18 Uhr erhält Oswald Egger in der Alten Schmiede, 1010 Wien, Schönlaterngasse, den H.-C.-Artmann-Preis.

Zur Person
Oswald Egger, geboren 1963 in Lana/Südtirol. Er lebt auf der Raketenstation Hombroich. Zuletzt erschienen: "Prosa Proserpina Prosa" (2004) und "Nihilum Album" (2007), beides im Suhrkamp Verlag. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, etwa den Christian-Wagner-Preis 2006 und den Peter-Huchel-Preis 2007.

  • "Ich kann nie ankommen, aber ich kann immer schon angekommen sein. Also
Gelassenheit in dem Sinn: Dann kann man das Tun lassen": Oswald Egger.
    foto: robert newald

    "Ich kann nie ankommen, aber ich kann immer schon angekommen sein. Also Gelassenheit in dem Sinn: Dann kann man das Tun lassen": Oswald Egger.

Share if you care.