Anspruchsvolle Etüde des Zuhörens

18. Jänner 2009, 18:10
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Dirigent Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra spielten und diskutierten im Musikverein

Wien - Dass es um Musik, um ihre tiefgründige wie auch energische Umsetzung geht, aber auch um viel mehr - das merkt man selbst an einem leger gekleideten Herrn, der bei den Standing Ovations mitwirkt. Auf dessen weißem T-Shirt steht unübersehbar "Peace, Salam, Shalom to the Holy Land!"

Solche Shirts dürften Daniel Barenboim in diesen Tagen besonders gefallen. Just zur Tournee des West-Eastern Divan Orchestra, bei dem vor allem isrealische und arabische Jugendliche musizieren und diskutieren, ist die Situation in Gaza eskaliert. Die Konzerte in Doha und Kairo mussten aus Sicherheitsgründen abgesagt werden, manche Musiker haben überlegt, der Tournee fernzubleiben.

Andererseits: Gerade in dieser Situation wird das Orchesterprojekt auf seine Substanz hin "getestet". Barenboim weiß das. Nach einem fulminanten Konzert lud er zur Pressekonferenz, bei der neben der Witwe von Orchestermitbegründer Edward Said, Marian Said ("Das Wichtigste ist, die Barriere, die Mauer des Hasses zu durchbrechen"), auch Musiker sprachen. Keiner lacht, aber man redet miteinander: "Es erschreckt mich, dass ich ein Feind innerhalb eines Staates bin", meint Nabeel Abboud Ashkar, ein Palästinenser, der in Israel lebt. Der israelische Orchester-Kollege Guy Eshed fragt: "Wirst du nicht auch von den Palästinensern als Verräter betrachtet?"

Für Ramzi Aburedwan wiederum geht es in dem Konflikt vornehmlich um "Land, auf dem man leben kann". Er ist selbst in einem palästinensischen Flüchtlingslager aufgewachsen: "Wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen." Und: "Das palästinensische Volk hat das Recht, sich zu verteidigen", meint Ramzi, der als Kind Steine auf israelische Soldaten warf, wie er selbst schildert.

Barenboim ist sichtlich müde nach dem Konzert. Mit heiserer Stimme mahnt er, den Mechanismen des Konfliktes nicht zu verfallen und transportiert seinen Unmut: "Ein Waffenstillstand ist nur der Beginn! Beide Seiten müssen sofort mit Verhandlungen ohne Vorbedingungen starten. Manche sagen, ich sei naiv! Aber sind nicht eher jene naiv, die seit Jahrzehnten versuchen, den Konflikt militärisch zu lösen und nichts erreicht haben? Israel und die Welt müssen alles wieder aufbauen, was jetzt zerstört wird." Nach Ansicht Barenboims geht es in dem Konflikt um Parteien, die auf dem gleichen Gebiet leben wollen. Beide Seiten akzeptieren jedoch nicht, dass die andere die gleichen Rechte habe.

Im Orchester versuche man zu zeigen, dass konfliktträchtige Meinungen nebeneinander existieren können - als Beleg dafür hat man im Programmheft eine Erklärung abgedruckt, in der es auch heißt: "Wir streben nach völliger Freiheit und Gleichheit zwischen Israelis und Palästinensern - das ist die Basis, auf der wir zum gemeinsamen Musizieren zusammenkommen." Und dies auf sehr hohem Niveau. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 19. 1. 2009)

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    Daniel Barenboim: Nahost-Gespräche ohne Vorbedingungen.

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