High Heels oder Öko-Schlapfen

18. Jänner 2009, 17:58
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Die Grünen suchen sich selbst, Eva Glawischnig soll ihnen dabei helfen - Von Michael Völker

Allen Kritikern, den parteiinternen wie den auswärtigen, zum Trotz: Zumindest die überwiegende Mehrzahl der knapp 240 Delegierten hatte keine Zweifel, dass Eva Glawischnig die Richtige wäre, die Grünen künftig anzuführen, ihnen einen neuen Drall und ein schärferes Profil zu geben. 97,4 Prozent stimmten für sie, auf dieses Ergebnis wäre auch ein Leonid Breschnew stolz gewesen. Glawischnigs Vorgänger Alexander Van der Bellen konnte sein bestes Ergebnis im Jahr 2000 einfahren, da erhielt er 90,5 Prozent. Zuletzt hatte er nur noch 81 Prozent Zustimmung erreicht.
Glawischnig muss ihre Rolle erst noch finden, und davon wird abhängen, wo sie die Grünen platziert: irgendwo zwischen Fundamental-Opposition und Möchtegern-Regierung. "Der Spagat zwischen Gucci und Birkenstock wird nicht machbar sein" , ätzte die FPÖ. Das Votum der Delegierten hat aber gezeigt, dass die 39-jährige Kärntnerin innerparteilich sowohl bei Realos wie auch Fundis gut anzukommen scheint. Die Diskussion über den Kurs ist damit freilich erst eröffnet. Während die einen glauben, dass Van der Bellens konsensorientierter Kuschelkurs an der jüngsten Wahlniederlage schuld sei, meinen die anderen, mit einer Frontal-Opposition wären die Verluste noch höher ausgefallen. Man hätte die bürgerlichen Wähler verschreckt, ohne die linke Basis überzeugen zu können.

Letztendlich ist das ein grüner Dauerbrenner, an dessen Siedepunkt sich viele fragen: Wer soll diese Grünen noch wählen? Sind das Öko-Fundis, radikale Tierschützer, bedingungslose Ausländer-Freunde, gesellschaftspolitische Träumer? Oder vernunftbegabte Umweltschützer, engagierte Menschenrechtsexperten, Querverbinder zur Wirtschaft, Seitenblicke-tauglich, mit einem Verständnis für die schönen und guten Dinge im Leben? Und sind sie für oder gegen Europa?

Glawischnig war es zuletzt nicht gelungen, auch nur einen Teil dieser Fragen glaubwürdig zu beantworten. So gesehen scheint das starke Votum für sie nicht nur ein Zeichen des Vertrauens, sondern auch ein Ausdruck der Hoffnung zu sein: ernst genommen zu werden, ohne Prinzipien über Bord zu werfen. Gerade wenn sich SPÖ und ÖVP in der Regierung zu Tode kuscheln und die FPÖ Nationalismus und "Ausländer raus" als einziges Programm pflegt, müsste es den politischen Spielraum für grüne Argumente und Forderungen geben.

Die müssten aber erst einmal verständlich formuliert werden. In der Europa-Frage etwa. Noch weiß das werte Publikum nicht, ob der Vertrag von Lissabon aus grüner Warte jetzt tot ist oder nicht. Die grüne Meinungspluralität in allen Ehren, als Politik-Konsument darf man sich aber auch von den Grünen eine Festlegung und nicht die Bandbreite aller Möglichkeiten erwarten.

Getrennt haben sich die Grünen erst einmal von einem ihrer heftigsten Kritiker. Der langjährige EU-Abgeordnete Johannes Voggenhuber hat bei seinen eigenen Leuten keine Gnade gefunden, an seiner Stelle wird Ulrike Lunacek die Liste für die Wahl zum Europäischen Parlament im Juni anführen. Das mag etwas über die Kritikfähigkeit der Grünen aussagen, über ihren europapolitischen Kurs tut es das nicht. Lunacek mag einen Hauch kritischer formulieren und dem linken Lager zuzurechnen sein, im Grund vertritt aber auch sie die Linie Voggenhubers: Der Vertrag von Lissabon ist besser als Stillstand. Sonst bleibt alles offen: An der ersten Stelle ihrer EU-Liste haben die Grünen eine Politikerin, die sich gegen eine nationale Volksabstimmung über den Vertrag von Lissabon ausspricht, an dritter Stelle mit Monika Vana jemanden, der für ein nationales Referendum ist. Man kann es sich also aussuchen, für oder wider. Oder man sucht sich eine andere Partei. (Michael Völker/DER STANDARD-Printausgabe, 19. Jänner 2009)

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