Der Drinnie im Wandel der Zeiten

17. Jänner 2009, 18:27
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Das Mysterium kätzischer Fressvorlieben.

Krisenzeiten sind Drinnie-Zeiten. Falls Sie nicht wissen, was ein Drinnie ist: Damit sind, im Jargon der Jugend, Menschen gemeint, die ihr Leben vorwiegend innerhalb der eigenen vier Wände fristen. Der Antagonist des Drinnies, der Draußie, geht hingegen vor die Türe und scheut auch vor Frischluftkontakt nicht zurück. Drinnies leben billiger als Draußies. Draußies brauchen Geld für Disco, Red Bull Wodka und Taxi. Drinnies gehen billigen, kostenlosen, krisenfesten Aktivitäten nach (Lesen, TV, GV).

Die Drinnie-Mode gab es schon einmal, in den 1980ern. Damals hieß das "Cocooning". Man sperrte sich zu Haus ein, bestellte (weil es das Handy noch nicht gab) über das Festnetz ein paar Quattro Formaggi beim Pizzaservice und schob (weil es die DVD noch nicht gab) Kassetten aus der Videothek in den VHS-Recorder. Es war eine unglaublich starke Zeit.

Haustiere sind ein weiteres Argument für ein Drinnie-Dasein. Haustiere vermitteln dank ihrer repetitiven Lebensführung wohlige Gewohnheitsmomente. Unser Kater (Balu) frisst Schlag sieben, kotet um acht, schläft um neun, beginnt um zehn die Sessel zu zerkratzen usw. Ein Gewohnheitstier, nach dem man die Uhr stellen könnte. Sehr gemütlich.

Die schlechte Nachricht: Die beruhigende Absehbarkeit seines Verhaltens wird durch merkwürdige Fressvorlieben konterkariert. Der Kater ist fünf Jahre, nicht mehr ganz jung, aber noch nicht senil, entre deux ages also, wie die Franzosen sagen. Schön wäre es, wenn sich das auch in einem altersgemäßen Fressverhalten niederschlüge. Dem ist aber nicht so. Seit er auf der Welt ist, frisst er entweder Futter a) der Marke "Das Beste für Katzenkinder" (DM) oder b) der Marke "Shah Senior" (Hofer). Andere Angebote werden mit verächtlich gerecktem Hintern und arrogant hochgestelltem Schwanz quittiert.

Das ist irritierend. Ein Kater, der nicht weiß, ob er sich als Katzenkind oder Senior fühlt, verhält sich wie ein Teenager, der Holunderblütentee zum Hamburger bestellt, oder ein 40-Jähriger, der sich zur Jause ein Gläschen Hipp genehmigt. Ich vermute ja, der Kater hat sich als lange Jahre von anderen Katzen isolierter Drinnie eine Identitätskrise zugezogen.

Andere Erklärung: Die Katzenfutterindustrie lässt es an ausreichender geschmacklicher Unterscheidbarkeit dessen mangeln, was sie einmal als Baby- und ein andermal als Greisennahrung anbietet. Also keine Identitäts-, sondern eine Marketingkrise. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.1.2009)

 

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