Das Ende der Kindheit

16. Jänner 2009, 19:14
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Jüdische Überlebensgeschichten im Stadtmuseum Graz

Graz - Kurt, Walter, Otto, Karl und Daisy waren Grazer Kinder und Jugendliche aus Familien aus verschiedenen sozialen Schichten. Sie gingen zur Schule, spielten Fußball und gingen in eines der beiden Kinos in der Grazer Annenstraße. 1938 änderte sich alles. Plötzlich waren sie nicht mehr "der Walter" oder "der Kurt", sondern "der Jud".

Um 1900 lebten rund 2000 Juden in Graz. Nach 1945 kamen die allerwenigsten zurück. Die meisten, die überlebt hatten, blieben im Exil. Kurt heißt heute Josef Carmiel und lebt in Israel. Walter Goldberger, Otto Klein, Karl Nahlik, und Daisy Bene kehrten zurück in ihre Heimatstadt. Alle fünf erzählten ihre Erinnerungen der Journalistin und Kuratorin Karen Engel. Die daraus entstandene Hörinstallation "Überlebensgeschichten" ergänzt die Ausstellung "Unsichtbar" im Grazer Stadtmuseum - der Standard berichtete. In drei dunklen Räumen laufen die Geschichten an fünf Stationen. Dazwischen fallen Lichtkegel auf den leeren Boden - Platzhalter für jene, die nicht überlebten.

Otto Klein, langjähriger Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Graz, ist der älteste der fünf Zeitzeugen. Am 10. November 1938, am Tag nachdem die Nazis auch in Graz die Synagoge niedergebrannt hatten, begann man hier mit der systematischen Verhaftung aller männlichen Juden zwischen 16 und 70. Sie wurden vorerst ins Polizeigefängnis Paulustor gebracht. "Von da an hat sich das Schicksal der Grazer und der steirischen Juden etwas anders gestaltet als in Wien", erinnert sich Klein. Auch sein älterer Bruder und sein Vater wurden aus der Wohnung "abgeholt". "Die ganze Aktion war zu Mittag am 12. November beendet." Durch Verhandlungen der Kultusgemeinde mit der Gestapo gelang es aber, die Männer vom Polizeigefängnis und teilweise auch aus Dachau zurückzuholen. Sie konnten - wie auch Klein und seine Eltern - mit dem illegalen "Lisl"-Transport mit anderen Grazer Juden im Frühjahr 1939 über Wien nach Palästina fliehen.

Walter Goldberger war im Anschlussjahr neun Jahre alt und erzählt - "ohne Hass", wie er betont - sehr berührend von Demütigungen, die ihm von Mitschülern, Lehrerinnen und dem Direktor angetan wurden. Seine Flucht aus Graz war, geografisch gesehen, weniger weit. Er überlebte den Krieg als U-Boot auf steirischen Bauernhöfen. Wenn jemand fragte, leugneten die Bauern einfach, dass der Bub Jude war.

Durch Bombe gerettet

"Graz war überhaupt ein unguter Boden", meint Daisy Bene, die als "Halbjüdin" von der Schule verwiesen wurde und nur durch Zufall nicht deportiert: Eine Bombe schlug in das Rassenamt ein, in dem schon ihre Papiere lagen. Ihr Großvater, der überzeugte Sozialist Carl Kastner, gründete mit Hermann Öhler 1873 das Kaufhaus "Kastner und Öhler". Die behütet aufgewachsene Daisy, die heute im Aufsichtsrat des Unternehmens ist, erinnert sich an "die alten Großdeutschen und die Nazi", die sich "dachten, jetzt sind sie wer, typisch für eine Grenzbevölkerung!" (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.1.2009)

  • Daisy Kastner (heute Bene, links im Bild), war zehn, als die Synagoge brannte
    foto: privat

    Daisy Kastner (heute Bene, links im Bild), war zehn, als die Synagoge brannte

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