"Oma, du bist heute im Fernsehen!"

16. Jänner 2009, 19:02
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Pflegebedürftige Menschen können künftig per Knopfdruck über ihr TV-Gerät mit Pflegern auch optisch kommunizieren

Graz - Viele bleiben allein zurück. Die Lebenspartner sind gestorben, die Kinder weit weg in der Stadt. Sie wollen dennoch ihren Lebensabend zu Hause verbringen. 80 Prozent der mehr als 500.000 in Österreich lebenden hilfs- und pflegebedürftigen Menschen werden daheim, in ihren eigenen vier Wänden betreut.

Die Kinder kommen regelmäßig, auch professionelle Pflegerinnen schauen ein paar Mal die Woche vorbei, die Nachbarin bringt dann und wann Kuchen. Der Fernseher bleibt für so manchen aber oft die einzige und wichtige Verbindung "nach außen". Genau diese elektronische Kommunikationsschnittstelle will jetzt ein "Tele-Pflege-Projekt", das in der Steiermark soeben gestartet ist, nützen.

Vorerst 30 - in der weiteren Ausbaustufe 100 - Pflegebedürftige erhalten in ihrer Wohnung einen Breitbandanschluss plus ein für alte Menschen konzipiertes Videoequipment, das an den Hausfernseher angeschlossen wird.

Per Druck auf einen roten Signalknopf wird automatisch über eine Videokamera eine Verbindung zur Pflegestelle oder zu den Angehörigen hergestellt.

Zuckerwerte online

"Wir haben bewusst eine Kommunikation über den Fernseher gewählt, da ältere Menschen eine höhere Affinität zum TV-Gerät haben als zum PC", sagte Hannes Ametsreiter, CEO der Telekom Austria, am Freitag bei der Vorstellung des Pilotprojektes, das von seinem Unternehmen, dem Sozialressort des Landes und der Firma Zydracron, die das Videosystem entwickelte, unterstützt wird. Getragen wird der "Videofon"-Großversuch von der steirischen Volkshilfe.

Das Videosystem soll pflegebedürftige Menschen in die Lage versetzten, problemlos mit ihren Pflegern und den Angehörigen zu kommunizieren. Zusätzlich können vom Pflegepersonal aber auch Gesundheitswerte wie der Blutdruck oder die Zuckerwerte abgelesen werden.

In der ersten Testphase allerdings noch optisch über die Kamera, in einer Ausbaustufe könnten aber die Werte direkt über Bluetooth übermittelt werden. Ausgearbeitet sind auch bereits spezielle Therapien, etwa auf die Videokommunikation abgestimmte "Gedächtnisübungen" mit den Patienten, die über diese Art von Videokonferenzen ermöglicht werden.

Hightech in der Pflege

Angehörige können über die Volkshilfe-Pflegezentrale jederzeit aktiv mit ihren Verwandten Bildkontakt aufnehmen. Kosten wird dieses Pflegemodell zwischen 30 und 50 Euro pro Monat.

Der laufende Pilotversuch wird mit 550.000 Euro von den Projektpartnern kofinanziert. Mit dem "Videofon" werde in der Steiermark erstmals versucht, Informations- und Kommunikationstechnologien für Pflegezwecke einzusetzen, "um betagte, allein stehende Menschen so aus der möglichen Isolation zu holen", sagte Landeshauptmann-Vize und Sozialreferent Kurt Flecker. "Moderne Technologie kann im Pflegealltag unterstützend wirken.

In Europa ist dieser Beitrag allerdings bis jetzt noch absolutes Forschungsneuland", ergänzte Telekom-CEO Ametsreiter.

"Ganz neue Möglichkeiten in der Pflege und der Betreuung älterer Menschen" verspricht sich jedenfalls Franz Ferner, Geschäftsführer der Volkshilfe. (Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.1.2009)

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