Auf hohem Grat gescheitert

16. Jänner 2009, 18:49
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Eine ein wenig undurchschaubare Angelegenheit ist auch die aktuelle Gas-Krise, wir haben die Sache noch weiter kompliziert

Nehmen einmal an, die Matura wäre wirklich jener Gratmesser für erworbenes Wissen, als den wir sie einem Kommentar zufolge gerne sehen wollen. Wo stünden wir dann?

Unsere geografischen Kenntnisse sollten wir besser nicht in die Waagschale werfen. In einem am 10. Jänner erschienenen Interview haben wir den resignativen Satz durchgehen lassen: „Es wird aber nichts daran ändern, dass wir nur einen Planeten mit 6370 Kilometern Durchmesser haben.“ Eine Globalisierungsfolge: Wer sich immer wieder vorsagt, die Welt sei ein Dorf, lässt den Planeten eben schrumpfen. Die Sorge ist unbegründet, das ist nur eine Metapher, die Erde hat auch weiterhin einen Durchmesser von 12.756 Kilometern am Äquator und 12.713 Kilometern an der Erdachse.

Ein weiterer Beleg für die nur lückenhafte Beschäftigung mit geografischen Fragen offenbarte sich in einem Kulturtipp am 10. Jänner. Wir empfahlen den Besuch einer Ausstellung in Linz, in der ein Objekt namens „Bathyscaph 3“ zu sehen ist: „,Bathyscaph 3‘ ist Jean Cocteaus gleichnamigem Unterseeboot nachempfunden.“ Das Tiefseetauchboot Bathyscaph wurde von Auguste Piccard gebaut, zur Berühmtheit wurde das Schiff von Jacques-Yves Cousteau geführt, mit dem französischen Maler, Schriftsteller und Regisseur Jean Cocteau, hat die Sache aber nichts zu tun. Schon beim Schreiben des Artikels müssen Zweifel aufgetaucht sein, denn es findet sich auch die Feststellung: das „spielt auf das Eintauchen in eine diffuse Materie an“.

Eine ein wenig undurchschaubare Angelegenheit ist auch die aktuelle Gas-Krise, wir haben die Sache noch weiter kompliziert. Profunde Recherche demonstrierend haben wir dargelegt, dass die durch die Ukraine führende Gaspipeline den Namen Druschba (Bruderschaft) trägt. Kurz darauf ließen wir wissen, dass das Gas, wenn es denn strömen würde, durch eine Pipeline namens Sojus (Bruderschaft) kommen müsste. Die Unschärfe dieser Informationen ist beachtlich, denn tatsächlich heißt Druschba Freundschaft und Sojus Union, überdies ist Druschba eine Ölpipeline.

Vielleicht hat da jemand ein wenig spekuliert, aber darin sind wir nicht gut, selbst dann nicht, wenn wir nur einschlägige Forschungsergebnisse referieren. „Auf den Ringfinger kommt es an“ titelten wir auf der Wissenschaftsseite vom 13. Jänner und erklärten das so: „Männliche Börsianer sind umso erfolgreicher im Job, je länger ihr rechter Zeigefinger ist.“ Wohin wendet sich jetzt das prüfende Auge, Ring- oder Zeigefinger? In der vom US-Fachblatt PNAS veröffentlichten Studie ist vom Ring-finger die Rede.

So nahe liegt das Scheitern. Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns bewegen, Gradmesser der Qualität unserer Arbeit möge aber die größere Anzahl fehlerfreier Artikel sein. (Otto Ranftl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.1.2009)

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