Missverstehen

17. Jänner 2009, 19:00
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Ein Dramolett von Antonio Fian: Ein Espresso im dritten Wiener Gemeindebezirk. Später Abend...

An der Theke nebeneinander zwei stark alkoholisierte Männer Mitte dreißig, die einander flüchtig zu kennen scheinen. Sie haben Weißweingläser vor sich und sprechen schwer verständlich, ohne einander anzusehen.

DER ERSTE: Probleme?

DER ZWEITE: Das kannst laut sagen.

DER ERSTE: Weiber?

DER ZWEITE: Weiber.

DER ERSTE: Seltsame Rass' ... Nicht zum verstehen ... Dass man sich immer wieder einlasst mit ihnen ...

DER ZWEITE: Fesch sind s' halt ...

DER ERSTE: Fesch sind s', das is' wahr ... Die Meinige, wenn ich denk' ... Eine Ex-Miss-Landstraße!

DER ZWEITE: Na, dann ... Brauchst gar nicht probieren verstehen ...

DER ERSTE: Kennst du s'?

DER ZWEITE (schüttelt den Kopf)

DER ERSTE: Komm einmal vorbei, dann stell' ich s' dir vor.

DER ZWEITE: Das mach' ich schon selber.

DER ERSTE: Was?

DER ZWEITE: Sie mir vorstellen.

DER ERSTE: Nein, ich mein', du sollst kommen, dann mach' ich euch bekannt.

DER ZWEITE: Ja ja ... Im Internet ... Die Tricks kenn' ich ... Aber nicht mit mir.

DER ERSTE: Na, dann halt nicht, Schl...-Schlei...

DER ZWEITE: Ja, schleich dich.

DER ERSTE: Schleimauer.

DER ZWEITE: Ich bin kein Freimaurer.

DER ERSTE: Ich wollt' sagen: Schlaumeier.

DER ZWEITE: Kein Freimaurer.

DER ERSTE (resigniert trinkend): Mit dir is' ja nicht zum reden.

(Er zieht seinen Mantel an.

Zum Kellner, auf den Zweiten weisend:) Der Herr da möcht' noch ein Achtel Wein haben.

KELLNER (lallend): Wem soll ich eine Tachtel reinhaun?

DER ERSTE (legt einen Geldschein auf die Theke und wendet sich zum Gehen. Zu sich): Es gibt echt Tage, wo alle alles missverstehen ...

DER ZWEITE (bitter in sich hineinlachend): Miss verstehen, ja ... Trottel ... Gar nicht probieren ... (Vorhang)
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.1.2009)

 

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