Ein düsterer Abschied

16. Jänner 2009, 18:37
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Der scheidende Präsident hat aus begangenen Fehlern nichts gelernt

Das Publikum war handverlesen: 200 Personen wurden zu George W. Bushs letzter Rede im Weißen Haus geladen, 50 davon hatte der scheidende Präsident selbst ausgesucht. Diesmal sollte keiner Schuhe werfen, keiner kritische Fragen stellen. Denn der 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sorgt sich um sein politisches Erbe. Seine Rechtfertigung und die Beteuerung eines reinen Gewissens sollten mit mildem Applaus bedacht sein.

Die Bilder aber sprachen für sich: Aus dem lockeren George, mit dem zu Beginn seiner Amtszeit so viele seiner Landsleute gern auf ein Bier gegangen wären, ist ein müder, düsterer Mann geworden. Ein Verlierer, der sich trotzig noch ein letztes Mal vor die Kameras stellt, obwohl die Nation das notgewasserte Flugzeug im Hudson River mehr interessierte als sein hölzern vorgetragenes Bye-bye.

Die Fehler, die er dabei für seine Verhältnisse offen eingestand, hat Bush in der Tat gemacht. Daraus gelernt hat er nicht. Wieder zitierte er Gut, Böse und deren prinzipielle Unvereinbarkeit - ein manichäisches Weltbild, das keine Grautöne, keinen politischen Pragmatismus zulässt und das in den vergangenen acht Jahren enormes Unheil angerichtet hat. Bushs zynische Berufung auf die Verbreitung der "Gottesgabe" Freiheit, von Menschenrechten und Würde spricht für alle Bände, die Bilder aus Guantánamo und Abu Ghraib im Kopf haben. Die Methoden in seinem "Krieg gegen den Terrorismus" mögen diskutabel sein, die Resultate nicht? Zu diesem Schluss kann nur jemand kommen, der in seiner eigenen Welt lebt.

Weder die Welt noch Amerika sind nach Bushs Präsidentschaft sicherer geworden. Im Gegenteil: Der Bluff mit den Massenvernichtungswaffen und das im Irakkrieg vergossene Blut haben die USA in aller Welt diskreditiert. Der Nahe Osten, um den sich der "Führer der freien Welt" zuletzt kümmerte, brennt. Menschen- und Bürgerrechte wurden mit Füßen getreten. Machtmissbrauch und Rechtsbeugung hatten unter Bush Methode. Die zu einem guten Teil von seiner Administration verursachte Wirtschaftskrise - der Präsident hat sie kaum erwähnt - hält die Welt im Würgegriff. Die historische Chance, die Friedensdividende nach Ende des Kalten Krieges einzulösen, hat Bush ebenso vergeben wie das Vertrauen und die Solidarität, die den USA nach 9/11 aus aller Welt entgegengebracht wurden.

Das sind die unleugbaren Fakten. Und die werden auch Bushs Hoffnung, doch von der Geschichte besser beurteilt zu werden, zunichtemachen. Die Historiker, die Rankings der schlechtesten US-Präsidenten erstellen, haben ihn schon jetzt stets unter den drei Anwärtern auf einen Spitzenplatz. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Bush in den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit seine Administration auf einen konzilianteren Kurs hat einschwenken lassen. Für seine Pension hat der scheidende Präsident angekündigt, sich in seine Bibliothek in Dallas, Texas, zurückzuziehen und über "große Ideen" nachzudenken. Vielleicht findet er dort Worte, die ihm tatsächlich ein milderes Licht in der Geschichte zuteil werden lassen. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.1.2009)

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