Columbo oder Trautmann

16. Jänner 2009, 17:58
1 Posting

Kleists "Der zerbrochne Krug" am Klagenfurter Stadttheater

Klagenfurt - Der kauzige Inspektor Columbo hätte seine helle Freude an den Scherben eines banalen Gefäßes, das zum Symbol für die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenzen mutiert: Aus dem triebgesteuerten Fehltritt einer honorigen Amtsperson (aktuelle Beispiele aus der Gegenwart ließen sich beliebig dokumentieren) entwickelt sich ein Puzzle aus mehr oder weniger tiefgründigen Beziehungsgeflechten, Unzulänglichkeiten und Unterdrückungsmechanismen.

Im speziellen Fall ermittelt der Täter selbst: Groteske und Ironie einer schonungslosen literarischen Analyse.

Faschingsdienstag-Narren

Bei Stephanie Mohr wird „Der „Zerbrochne Krug" zur Entlarvung der Kärntner Seele: Sie transformiert das subtile Schauspiel in das aktuelle, politisch-gesellschaftliche Geschehen: ein Fall für Trautmann.

Gespielt wird in der Atmosphäre von einem der legendären Aschermittwoch-Auftritte des verblichenen Landeshauptmannes, mitsamt Biertischen und verkaterten Faschingsdienstag-Narren.

Der Schreiber Licht (überzeugend: Roman Schmelzer) ist ein smartes, wendiges Buberl, das mit Schmiss und scheinbar grenzenloser Anpassungsfähigkeit nach Höherem strebt. Der Verdächtige Ruprecht (Dennis Cubic) erscheint in Mohrs Inszenierung als unterprivilegierter, vorschnell zum Sündenbock abgestempelter Einwanderer (Saualm?).

Günter Franzmeier als Dorfrichter Adam agiert mit der Leichtfüßigkeit eines John Cleese. Das Dilemma des zunehmenden Erklärungsnotstands gerät unter seiner Darstellung zu einer bewundernswert schlüssigen Performance.

Silvia Fenz spielt sich als Frau Marthe Rull die sprichwörtliche Seele aus dem Leibe: Ihr hemdsärmeliges Poltern und liebenswürdig unbeholfenes Aufbrausen haben durchaus Klasse. Eduard Wildners Gerichtsrat sowie Magdalena Kronschlägers Eve setzen den seriösen Kontrapunkt zu Klamauk und parodistischer Verunglimpfung. Bühne und Kostüme reihen sich bereitwillig in die Regievorgaben ein.

Und Udo Jürgens besingt den immer wiederkehrenden Sonnenaufgang, womit er den amtierenden Landeshauptmann eines Besseren belehrt und Stefan Petzner Tipps für die Diplomarbeit liefert.

Nichts für Puristen: Von Kleist bleibt wohl nur die Textvorgabe übrig, die Neufassung vermag mit kernigem Humor und allerhand Seitenhieben zu punkten. Das Premierenpublikum war begeistert. (Bernhard Bayer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.1.2009)

 

  • Der Täter ermittelt selbst: Günter Franzmeier ist ein überzeugender Dorfrichter Adam.
    foto: helge bauer

    Der Täter ermittelt selbst: Günter Franzmeier ist ein überzeugender Dorfrichter Adam.

Share if you care.