Verschwörer mit unmöglicher Mission: "Operation Walküre"

16. Jänner 2009, 17:35
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Mehr starbesetztes B-Movie als schwergewichtiges Geschichtsdrama: Bryan Singers Spielfilm über das Attentat vom 20. Juli 1944 mit Tom Cruise als Stauffenberg

Wien - Eine unmögliche Operation, so schien es von Anfang an. Eine Hollywoodproduktion über das gescheiterte Attentat auf Hitler am 20.Juli 1944 - zumindest im deutschsprachigen Raum steht ein solches Unterfangen unter Verdacht. Wo die einen befürchteten, dass man sich nicht lange über historische Akkuratesse den Kopf zerbrechen würde, da vermuteten andere das Vehikel für einen angeschlagenen Superstar: Tom Cruise als die historische Figur des Claus Schenk Graf von Stauffenberg bewegte in Deutschland die Gemüter, noch bevor überhaupt die erste Klappe fiel.

Wird der Verschwörer mit aristokratischen Wurzeln zum heroischen Proto-Scientologen umgedeutet? Hypernervöse Debatten in deutschen Zeitungen waren die Folge. Ein Bambi für „Courage" erging an einen Schauspieler - nur für seine Rollenwahl! Als wäre diese Erregung noch nicht genug, wurde auch die Liste der Pannen immer länger: Darsteller verletzten sich bei Aufnahmen, fertig gedrehtes Material wurde fahrlässig zerstört, ein Nachdreh angeordnet; schließlich verschob man den Starttermin immer weiter nach hinten - in der Regel ein sicheres Indiz für die wachsende Panik von Produzenten.

Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat steht zu dieser Aufregung im Vorfeld in keinem Verhältnis. Es ist ein nachgerade bescheidener Film geworden. Das ist ihm durchaus positiv anzurechnen. Anstatt mit weiter Geste auszuholen, um eine historische Situation auf Spielfilmformat zu kondensieren - und sich allerlei Deutungsfragen auszusetzen -, verlegt er sich auf die wesentlich reduziertere Geschichte eines Komplotts.

Effizienter Thriller

Regisseur Bryan Singer inszenierte einen effizienten Thriller, der mehr in der Tradition eines B-Movies als in jener des schwergewichtigen Geschichtsdramas steht. Das bewahrt den Film vor der Glorifizierung seines Helden und vor Spielberg'schen Sentimentalitäten. Das Drama ist auf klaustrophobische Innenräume reduziert, in denen eine verschworene Bande einen Plan ausheckt - bloß dass es diesmal um keinen Bankraub, sondern vielmehr um den Sturz eines Monsters geht.

Eine solch eingeschränkte Perspektive, die sich für Abläufe und Suspense interessiert, hat jedoch auch ihren Preis. Dass es sich bei der Operation Walküre um eine Aktion handelte, die den Lauf der Geschichte hätte ändern können, muss ihr weitgehend entgehen, weil sie nicht genügend Resonanz erzeugt. Auf Spannungsmuster zu setzen, wo der Ausgang der Handlungen bekannt ist, mag aus dramaturgischen Gründen riskant sein: in US-Kritiken wurde denn auch entsprechend mit „Spoiler"-Warnungen gewitzelt.

Doch macht nicht gerade dieser Zugang die unterschiedlichen Begehrlichkeiten anschaulich? Als Hollywoodfilm zielt Operation Walküre auf ein internationales Publikum, dem Stauffenberg alles andere als bekannt sein dürfte - und das die Produktion ohnehin zunächst als Tom-Cruise-Vehikel wahrnehmen wird.

Hölzerner Held

Cruise ist wiederum Cruise, und das heißt: Man läge von vornherein falsch, sich von ihm eine Auseinandersetzung mit den inneren Motivationen von Stauffenberg zu erwarten. Als ein etwas steifer und ehrbarer Held, der unter Anspannung gerne mit seinem Glasauge spielt, macht er seine Sache genregerecht gut. Warum diese Figur über so viel Anziehungskraft verfügte, das erschließt sich allerdings nicht. Der Film setzt ein mit Stauffenbergs Verwundung in Nordafrika, von seinen familiären und politischen Prägungen erfährt man kaum etwas.

Die Desillusionierung durch den verheerenden Krieg treibt ihn in den Widerstand, der anfangs noch einen eher unorganisierten Eindruck erweckt. Er gelangt schnell an die Spitze des Verschwörertrupps, dessen Mitglieder von mehrheitlich britischen Charaktergesichtern wie Kenneth Branagh, Bill Nighy und Terrence Stamp verkörpert werden (und die allesamt über mehr Ecken und Kanten als ihr „Anführer" verfügen). Er handelt schnell. Das muss genügen.

Der besondere Reiz des Films liegt ohnehin in der Mechanik der Ausführung des Putsches. Es gehört eben zu den Faszinationen des Kinos, dass es abstrakte Abläufe darstellbar macht. Wie sich zuerst das Netzwerk der Konspiration aufbaut - und in einer etwas spekulativen Szene selbst Hitler seine Unterschrift geben muss -, wie die einzelnen Ebenen des NS-Apparats ausgeschaltet werden, wie endlich die Bombe platziert wird und dabei fast die Taschen vertauscht werden: In solchen Sequenzen erzeugt Operation Walküre seinen stärksten Sog.
Überhaupt hat es Bryan Singer alles Maschinelle angetan: Ständig geht es um Fortbewegung und Kommunikation, um Autos und Flugzeuge, um Telegrafen und Telefone, die den Ausgang dieses Komplotts mitentscheiden.

Der Film betreibt also auch ein Stück Mediengeschichte als eine Mission impossible des analogen Zeitalters. In echter B-Movie-Tradition genügt dann am Ende die Stimme Hitlers aus dem Telefonhörer, um den fatalen Umschwung zu initiieren. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.1.2009)

 

Ab 22. Jänner im Kino

  • Ein etwas steifer, ehrbarer Held:Tom Cruise als Claus Schenk Graf von Stauffenberg – und Carice van Houten als dessen Ehefrau Nina – in Bryan Singers "Operation Walküre".    
 
 
    foto: centfox

    Ein etwas steifer, ehrbarer Held:Tom Cruise als Claus Schenk Graf von Stauffenberg – und Carice van Houten als dessen Ehefrau Nina – in Bryan Singers "Operation Walküre".   

     

     

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