Wer mehr lernt, muss weiter pendeln

16. Jänner 2009, 18:41
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Akademiker und Pflichtschulabsolventen leben in verschienden Gegenden

Graz - Offene Stellen? Ja, die gibt es, sogar in sonst von Krisen stärker betroffenen Regionen wie dem steirischen Mürztal. "Wir haben in allen Bereichen Schwierigkeiten, Top-Positionen zu besetzen", erzählt Manfred Juricek, Leiter der AMS-Geschäftsstelle in Mürzzuschlag. Aber Akademiker, zumal Absolventen eines Technik-Studiums, sind kaum in die Obersteiermark zu bekommen, klagt Juricek - und wenn doch, "dann nützen sie den Standort nicht als Wohngemeinde, die sind nach ein paar Jahren wieder weg".

Das ist die Kehrseite der Bildungsoffensive, die Österreich in den vergangenen vier Jahrzehnten durchaus gegriffen hat: 9,6 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahren hat einen Hochschul- oder Fachhochschul-Abschluss, 1971 waren es erst 2,1 Prozent. Der Anteil der Maturanten stieg von 5,8 auf 13,9 Prozent, jener der Fachschul-Absolventen von 7 auf 12,4 Proeznt und jener der Facharbeiter mit Lehrabschluss von 23,1 auf 35,7 Prozent - nur 28,3 Prozent haben nicht mehr als die Pflichtschule absolviert.

Diese Bildung ist aber regional sehr ungleich verteilt. Auffallend viele Menschen mit ausschließlich Pflichtschulabschluss findet man in den peripheren Regionen, speziell in den Grenzräumen, aber auch in abgelegeneren Gegenden des Alpenraumes. Hier zieht weg, wer wegziehen kann.

Und wegziehen kann, wer höhere Bildung hat. Genauer: Man zieht weg, um die höhere Bildung zu bekommen - und bleibt dann gleich am (Hoch-)Schulstandort hängen. So erklärt sich die hohe Akademikerdichte rund um die Universitätsstandorte. Oft bleibt auch gar nichts anderes übrig: Viele, die eine höhere Bildung erworben haben, müssen wegziehen, weil der für die Qualifikation passende Arbeitsplatz in der Nähe des Heimatortes nicht vorhanden ist.

Wer mehr lernt, muss eben weiter pendeln.

"Ich kenne Frauen aus dem Ennstal, die ausgebildete Kindergärtnerinnen sind - wenn die hier keinen Arbeitsplatz finden, dann pendeln sie bis in die Stadt Salzburg und kommen nur am Wochenende heim", erzählt Christian Bauer. Der studierte Geograph arbeitet bei der Agrarbezirksbehörde und bekommt hautnah mit, wie Bauernhöfe aufgegeben werden, weil die Söhne und Töchter Vollzeitarbeitsplätze gefunden haben und es für sie unattraktiv ist, den Hof im Nebenerwerb weiterzuführen.

Bauer selber hat es geschafft, nach dem Studium in Graz wieder zurück nach Irdning zu übersiedeln - und er nimmt es hin, dass er zu seinem Arbeitsplatz in Leoben täglich eine Strecke von 94 Bahnkilometern fahren muss. Das sei es ihm wert, sagt der 28-jährige - und räumt ein, dass er das vielleicht anders sehen würde, hätte er Frau und Kinder daheim.

Falsche Bildungsziele

"Man wird schon nachdenklich, wenn die Bauernbund-Jugend Bildung im Ländlichen Raum predigt - wo sind denn die Arbeitsplätze? Alle versuchen, die Matura zu machen und konkurrieren dann um die wenigen Jobs, die für Maturanten angeboten werden", hat Bauer beobachtet.

Seine Beobachtung wird vom Mürzzuschlager AMS-Chef Juricek bestätigt: "Es gibt diesen Trend zu den weiterführenden höheren Schulen. Und die Eltern vermuten grundsätzlich, dass der höchste erreichbare Abschluss auch der beste wäre. Und dann gibt es massive Enttäuschungen." Viele junge Leute, die sich in der Schule schwer tun, schaffen die Matura mit Ach und Krach - und weil sie als Maturanten kaum Arbeit finden, wird ein Studium angegangen: „Aber da halt auch am liebsten etwas, das man leicht bewältigen kann - aber nicht das, was die Wirtschaft braucht", sagt der Sozialdemokrat Juricek.

Er hat sich auch in der Kommunalpolitik engagiert - und er versucht, "junge Menschen auf allen Ebenen für die Technik zu begeistern".Erfolg hat er damit nur teilweise: Junge Menschen, die mit einer technischen Lehre durchaus eine gute Karriere machen würden, landen in Schultypen, die für sie nicht geeignet sind.

Am schlimmsten dran seien jene, die die Schule ohne richtigen Abschluss abbrechen - und dennoch nicht in einen Lehrberuf finden: „Da wird viel Zeit und Engagement vergeudet. Sowohl bei denen, die eine Höhere Schule nach der sechsten oder siebenten Klasse abbrechen als auch bei denen, die relative Lernverweigerer sind und mit der Schulpflicht in der dritten Klasse hinter sich haben. Wir haben schon Bildungsangebote für die, aber wir wissen nicht, wie wir an sie herankommen." (Conrad Seid/DER STANDARD Printausgabe, 17./18. Jänner 2009)

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