Krise wird bessere Aufseher bringen

16. Jänner 2009, 17:24
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Die für Unternehmen schmerzvollen Zeiten werden "closed shops" aufbrechen und laute Rufe nach professionellen Aufsichtsräten bringen, sagt Helmut Neumann im Interview

Die für Unternehmen nun anbrechenden schmerzvollen Zeiten werden "closed shops" aufbrechen und laute Rufe nach professionellen Aufsichtsräten bringen, sagt Helmut Neumann im Gespräch mit Karin Bauer.

STANDARD: Die gegenwärtige Krise offenbart auch einen Blick auf das Versagen der Kontrollore in den Unternehmen. Wo sehen Sie das Grundübel in den heimischen Aufsichtsgremien?

Neumann: In der Existenz von "closed shops". Board-Audits, Board-Assessments wären wichtige Werkzeuge, um zu definieren, wie diese Gremien zu besetzen sind, um die geeigneten Persönlichkeiten zu finden.

STANDARD: Sie sagen "wären" - wodurch sollte sich in Österreich etwas ändern? Die Kritik an den Kontrolloren ist ja nicht neu ...

Neumann: Durch Schmerz, und zwar durch jenen, den die Unternehmen jetzt spüren werden. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Irgendwann geht es nicht mehr - dieser Punkt kommt 2009. Das ist eine Riesenchance.

STANDARD: Welche Art von Schmerz?

Neumann: Der oberste Gott Shareholder-Value ist entthront. Große Unternehmen haben nicht mehr diese unglaublichen Gewinne, kleinere Unternehmen stehen da und wissen nicht, wohin. Sie brauchen strategischen Input, Finanzierungsexperten, in ihren Aufsichtsgremien.

STANDARD: Aufsichtsräte sollen sich also strategisch einmischen?

Neumann: Ja, sicher. Der Streit, ob sie nur kontrollieren oder auch strategisch mitreden sollen, ist unsinnig. Es ist ja auch eines der Probleme, dass Aufsichtsräte schlecht informiert sind und viel zu wenig von der operativen Führung herangezogen werden. Vorstände sitzen oft auf ihrem Wissen, es wird viel zu wenig kommuniziert.

STANDARD: Das mag auch daran liegen, dass nicht alle Mitglieder immer bestellt werden, um Aufsichtsrats-Funktionen wahrzunehmen ...

Neumann: Ja, das mag auch daran liegen. Die Diversität fehlt. Frauen fehlen. Ich glaube aber, dass gerade jetzt eine Riesenchance besteht, dass der Ruf nach professionellen Aufsichtsräten gehört wird. Dieser Ruf wird in den schmerzvollen Zeiten noch sehr laut werden.

STANDARD: Zweifel am zweistufigen System, also operatives Board und Aufsichtsboard, hegen Sie nicht?

Neumann: Im Gegenteil. Die USA haben gezeigt, dass das einstufige System sich praktisch nur noch selbst verwaltet, die Mitglieder ein ander Optionen rückdatieren, Boni genehmigen. Das hat sich ad absurdum geführt. Das zweistufige System funktioniert besser, aber es braucht andere Regeln, teilweise weniger Regeln.

STANDARD: Wie?

Neumann: Es hat sich ja gezeigt, dass es nicht reicht, zu beschreiben, dass man den Corporate-Governance-Kodex einhält. Schauen Sie sich das Beispiel AWD in Deutschland an. Verpflichtende Kommunikation, verpflichtender Informationsfluss, die Auflage, tatsächlich Zeit miteinander zu verbringen, fehlen leider völlig.

STANDARD: Fehlt es auch an Ahndungen für den Vorstand?

Neumann: Sicher soll der auch zur Kasse gebeten werden, wenn es im Unternehmen schiefläuft.

STANDARD: Apropos: Bringt bessere Bezahlung bessere Aufsichtsräte?

Neumann: In Österreich wird das bis jetzt quasi als Ehrenamt gesehen, da ist es verständlich, dass sich die Leute nicht so hineinknien. Professionelle Aufsichtsräte arbeiten zu Tagsätzen zwischen 3000 und 5000 Euro.

STANDARD: Wo also ansetzen?

Neumann: Bei der professionellen Auswahl der Mitglieder und der Zusammensetzung der Gremien. In Deutschland meinen laut Umfrage des Magazins Der Aufsichtsrat übrigens 71 Prozent, darum solle sich der Aufsichtsratsvorsitzende kümmern, 52 Prozent nennen externe Partner - wie wir das bei Neumann Partners sind. Ich möchte jetzt auch die Neumann Leadership Foundation Corporate Governance nach Österreich bringen, um wissenschaftliche Arbeiten zum Thema verstärkt zu fördern. (DER STANDARD; Printausgabe, 17./18.1.2009)

Zur Person:
Helmut Neumann ist Gründer und Managing Partner von NP Neumann & Partners sowie der Neumann Leadership Group.

Link
www.neumannpartners.com

  • Frauen fehlen, Diversität fehlt. Sieht in den Aufsichtsgremien jetzt die Chance für große Reformen: Helmut Neumann.
    foto: neumann

    Frauen fehlen, Diversität fehlt. Sieht in den Aufsichtsgremien jetzt die Chance für große Reformen: Helmut Neumann.

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