Das O-Phänomen, drei Annäherungen

16. Jänner 2009, 15:43
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Auch in Österreich wird eifrig Obama-Literatur produziert - Drei Bücher zwischen Ausblick auf die neue Administration und Wahlkampf-Rückblick

Barack Obama, Barack Obama, Barack Obama - und Barack Obama. Spätestens seit dem Wahltriumph des supersmarten Weltenbezauberers aus Chicago zahlt es sich für Literaturlistenersteller aus, unter Sachbüchern die Subkategorie der "Obama-Monografien" zu führen. Nichts schießt dieser Tage so ins Kraut wie Titel über den kommenden Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er selbst hat mit zwei Büchern aus seiner Feder monatelang die Bestsellerlisten dominiert. Dazu gibt es - in Amerika natürlich, überall in Europa und nun auch in Österreich - im Dutzend Bände einer Art "Sekundärliteratur" , die Einblick in Obamas Persönlichkeit und Ausblick auf sein Wirken geben wollen.

Heinz Gärtner, Politikwissenschaftsprofessor am Institut für Internationale Politik in Wien und zuletzt im vergangenen Herbst Fellow an der Stanford University in Kalifornien, gibt einen äußerst strukturierten Überblick über Obamas außenpolitische Ambitionen und die Handlungsspielräume, die dem neuen US-Präsidenten zur Verfügung stehen.

Den Anfang in Gärtners Analyse macht allerdings der Status quo der Außen- und Sicherheitspolitik George W. Bushs, die notwendig Ausgangspunkt für Obamas Bemühungen ist. Der Politologe beschreibt die Debatte über ein Ende des "unipolaren Moments" in der Weltpolitik und das Scheitern der "Empire" -Fantasien der neokonservativ geprägten Bush-Administration. Die Frage, die nun beantwortet werden müsse, sei, ob "die USA ein Empire oder eine Hegemonialmacht sind, und ob die Weltordnung uni- oder multipolar strukturiert sein wird. Die davon abgeleiteten Variablen geben den Handlungsspielraum des Präsidenten vor."

Statt gewaltsamer Demokratisierung und "vorbeugender Militärinterventionen" könnten die USA auf Einbindung und Eindämmung internationaler Akteure setzen. Nach Bush sei die Alternative für Obama ein liberales, multilaterales, kooperatives und wohlwollend gestimmtes Amerika, das sich an Menschenrechte und Völkerrecht hält und internationale Legitimität anstrebe.

Rüstungskontrolle und die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen beschreibt Gärtner als die entscheidenden Themen der kommenden Administration. Dazu würden "Soft Power" (die politische Anziehungskraft Amerikas) und "Smart Power" (eine kluge Kombination aus Militärmacht - "Hard Power" - und "Soft Power" ) in Zukunft eine weit größere Rolle spielen. Die US-Streitkräfte müssten entsprechend modernisiert, der Kampf gegen den Terrorismus weitgehend in Zivilistenhände gelegt werden. Und im Verhältnis zu Europa sei zu klären, ob die USA die EU als Partner erkennen oder als kommenden Gegner identifizieren.

Die verbreitete Meinung, dass die US-Wahlen außenpolitisch wenig bis gar keine Änderungen bringen würden ist für Gärtner "demokratiepolitisch bedenklich und analytisch falsch" . Andererseits seien die Spielräume für Obama gerade im außenpolitischen Feld extrem eng, weil sich - im Gegensatz zur Innenpolitik - die Rahmenbedingungen permanent änderten. Dennoch dürfe der kommende Präsident von seinen Wahlversprechungen nicht allzu weit abrücken. Denn Change, Wandel, bedeute selbstverständlich auch, dass der außenpolitische Kurs George W. Bushs korrigiert werde. Und damit hänge auch die Frage zusammen, ob Obama bereit sei, einige der Machtbefugnisse wieder abzugeben, die der amerikanischen Exekutive unter Bush zugewachsen sind.

Der ORF-Journalist und langjährige Korrespondent der Anstalt in Washington D. C., Eugen Freund, geht die Sache indes ganz anders an. Er beschreibt Obamas "langen Weg ins Weiße Haus" , den er etwas abrupt am 4. Jänner 2008 beginnen lässt, im Tagebuchstil. Seine Eindrücke des Wahlkampfes schildert Freund in flockigem Stil. Die Texte geben wenig Ausblick auf das, was in einer Obama-Administration noch kommen mag, dafür sind sie kurzweilig zu lesen. Geschmälert wird das Vergnügen allerdings durch das wenig sorgfältige Lektorat, das der Wieser-Verlag dem Buch hat angedeihen lassen.

Einen Mittelweg zwischen Analyse und persönlicher Beobachtung schlagen Norbert Rief und Thomas Hofer ein. Der eben aus den Staaten zurückgekehrte Korrespondent der Presse und der Wiener Politikberater schildern etwa sehr anschaulich, wie die Mittelklasse - das Kernsegment der amerikanischen Gesellschaft - in der Wirtschaftskrise unter die Räder kommt, wie Straßenzüge und ganze Stadtteile verelenden, ein Gemeinwesen sich unter der für den Konsum angehäuften Schuldenlast aufzulösen beginnt. Sie berichten über eigentlich wohlsituierte Mittelstandsfamilien, die sich neben den Raten für Haus, Autos, Versicherungen und den Zahlungen für den College-Fonds der Kinder jahrelang weder Urlaub noch einen Restaurantbesuch leisten können.

Diesen schleichenden Verarmungs-Prozess aufzuhalten ist für den neuen Präsidenten eine mindestens so große Aufgabe, wie das äußerst kostenintensive und gleichzeitig völlig ineffiziente US-Gesundheitssystem zu sanieren, 50 Millionen Bürger in die Gesundheitsversicherung zu holen und den Tod von etwa 100.000 Menschen jährlich zu vermeiden, die laut den Autoren in anders organisierten Gesundheitssystemen nicht sterben würden.

Breiten Raum widmen die beiden Autoren auch der fabelhaften Wahlkampagne Barack Obamas. Die Spindoktoren, der Verlauf der Kampagne, versuchte Schmutzkübelattacken (bei Obama dessen Beziehung zum Immobilienhai Tony Rezko und zum etwas überspannten Pastor Jeremiah Wright, bei McCain waren es etwa kontinuierliche Verweise auf sein Alter) werden in aller Ausführlichkeit beschrieben. Und andererseits auch widerlegt: "Die Menschen wählen nicht ihre Hoffnungen, Sie wählen ihre Ängste" , sagte einst Lee Atwater, der legendäre Politikberater von Ronald Reagan und Bush senior. Bei Obama trifft das genaue Gegenteil zu. (Von Christoph Prantner, Album, DER STANDARD, Printausgabe, 17. Jänner 2009)

  • Heinz Gärtner, "Obama. Weltmacht was nun? Außenpolitische Perspektiven" . € 19,90 / 212 Seiten. Lit-Verlag 2008
  • Eugen Freund, "Präsident Obama. Der lange Weg ins Weiße Haus" . € 19,80 / 202 Seiten. Wieser-Verlag 2008
  • Norbert Rief / Thomas Hofer, "Obama. Der schwarze Visionär - Zeitenwende für die Weltpolitik?" € 24,95 / 279 Seiten. Molden-Verlag, 2008

Hinweis: Im Standard-Spezial zur Angelobung Barack Obamas am Dienstag erklärt Thomas Hofer, wie viel von den Obama-Methoden Österreich vertragen könnte.

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