Göttliche Extremerscheinungen

16. Jänner 2009, 19:46
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Biblische Vitaminriegel, keusche Unterwäsche - Die Frömmigkeit der Amerikaner hat tiefe Wurzeln - und treibt manch seltsame Blüten

Die Bibelstelle, die Barack Obama am kommenden Dienstag beim Ablegen des Amtseides als Leitfaden für seine Präsidentschaft aufschlagen wird, wird noch wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Dass er diesem Ritual, das nirgendwo festgeschrieben ist, seinen Respekt erweisen wird, gilt als gesichert. Ebenso gesichert ist, dass er dem Amtseid folgende vier Wörter anfügen wird: "So Help Me God." Alles andere wäre ein Affront: ein Affront gegenüber einer liebgewordenen Tradition ebenso wie ein Affront für jene 60Prozent der amerikanischen Bevölkerung, für die Religion eine sehr wichtige Komponente in ihrem Leben darstellt. Oder gegenüber jenen 40 Prozent aller Amerikaner, die mindestens einmal pro Woche die Kirche besuchen. Und besonders gegenüber jenem Viertel der US-Amerikaner, die sich als Evangelikale (strenges Befolgen der Regeln des Neuen Testaments) bezeichnen.

Im Vergleich dazu die europäischen Zahlen: die Kirchgangsquote liegt bei zehn bis 20 Prozent, und die Zahl der Menschen, die Religion als sehr wichtig bezeichnen, liegt bei zwölf (Frankreich) bis 25 Prozent (Italien). Mit einem Wort: "Religious insanity is very common in the United States." Dies war der trockene Befund des großen Amerika-Analytikers Alexis de Tocqueville vor fast zweihundert Jahren. Allzu viel hat sich daran auch nicht verändert, zumindest aus der Sicht des säkularisierten Europäers, der ob der religiösen Exaltiertheit aus dem Staunen nicht herauskommt.

Der Religionsfaktor spielte natürlich auch im US-Wahlkampf eine nicht unbedeutende Rolle, wenngleich er in der Schlussphase aufgrund der Wirtschaftskrise an Brisanz verlor. Zu Beginn des Wahlkampfs aber war die Analyse eine andere: Viele Beobachter gingen davon aus, dass religiöse Aspekte eine ähnlich große Rolle spielen würden wie zuletzt 1960, als die katholische Zugehörigkeit John F. Kennedys auf dem Prüfstand war.

Als Gründe für das gesteigerte Interesse galten die allgemeine Polarisierung durch George W. Bushs prononcierte "Glaubens-Präsidentschaft" und die gestiegene Bedeutung der Christlichen Rechten, aber ebenso die hervorstechenden religiösen Überzeugungen der Anfang 2008 aussichtsreichsten Kandidaten: Auf republikanischer Seite tummelten sich ein Mormone (Romney), ein für amerikanische Verhältnisse minimal religiöser, zweifach geschiedener Katholik (Giuliani), ein Kriegsveteran auf Kriegsfuß mit der Christlichen Rechten (McCain) und ein Baptisten-Pastor (Huckabee). Auf demokratischer Seite standen eine offen religiöse Methodistin, die permanent auf die Hilfe ihres Glaubens bei der Überwindung ihrer Eheprobleme verwies (H. Clinton), ein methodistischer Kämpfer für die Entrechteten (Edwards) und ein aktives Mitglied einer schwarz-nationalistischen Kirche, dem im Wahlkampf vorgeworfen wurde, in der Kindheit eine radikale moslemische Schule in Indonesien besucht zu haben (Obama).

In religiöser Sicht "herzeigbar"

Dies war ein ungewohntes Bild: Während vom religiösen Blickwinkel aus gesehen auf republikanischer Seite kein einziger Kandidat überzeugte, waren auf demokratischer Seite alle drei Topkandidaten in religiöser Hinsicht herzeigbar. Hier schien man zumindest eine Lehre aus den vorangegangenen Wahlen gezogen zu haben, nämlich die Wertedebatte nicht kampflos dem politischen Gegner zu überlassen. Denn zu gut war noch der so genannte Religion Gap (oder God Gap) in Erinnerung, also der signifikante Zusammenhang zwischen intensiver Religiosität und republikanischem Wahlverhalten einerseits und niedriger Religiosität und demokratischem Abstimmungsverhalten andererseits.

Angesichts der gestiegenen religiösen Authentizität auf demokratischer Seite ließ sich der demokratische Parteistratege Mike McCurry sogar zu einer Metapher aus dem spirituellen Fundus Amerikas hinreißen: "What we're seeing is a Great Awakening in the Democratic Party." Die Herausforderung auf demokratischer Seite war es jedoch, die Erweckungsbewegung nicht überzustrapazieren, denn zum treuesten demokratischen Wählerblock zählt auch das zahlenmäßig überschaubare, aber stetig wachsende Segment der Atheisten, Agnostiker und Wenig-Gläubigen. Bezeichnend für die neue Gewichtung des Religionsfaktors auf demokratischer Seite war etwa eine Episode im Wahlkampf, in der Barack Obama seine Unterstützung für homosexuelle Lebensgemeinschaften biblisch zu untermauern versuchte. Für ihn sei die Bergpredigt ("Verurteilt nicht andere, damit Gott nicht euch verurteilt" ) eine wichtigere Komponente seines Glaubens als eine obskure Passage in einem Römerbrief.

Obama meinte damit die von der Christlichen Rechten häufig als biblisches Urteil gegen die Homosexualität verwendete Passage im Brief des Apostels Paulus an die Römer, in der homosexuelle Handlungen strikt abgelehnt werden. Man möge sich eine derartige Stellungnahme in einem österreichischen Wahlkampf vorstellen! Wie die Auswertung des Votums vom 4. November zeigt, hat Obama den oben erwähnten Spagat in beeindruckender Weise geschafft: Er legte einerseits bei den wichtigsten religiösen Wählerschichten deutlich zu, vergrößerte aber andererseits auch das areligiöse Segment, das 2008 immerhin 12 Prozent der Wähler ausmachte (plus acht Prozent, insgesamt 75 Prozent).

Die größten Zugewinne verzeichnete Obama bei den Katholiken, was ihm im Unterschied zu 2004 (als der Katholik Kerry antrat!) eine Mehrheit des katholischen Votums bescherte (plus sieben Prozent gegenüber 2004, insgesamt 54 Prozent). Darüber hinaus gelang es Obama, selbst in der Königsdisziplin des religiösen Votums, unter den Evangelikalen, beachtliche Zugewinne zu erreichen, nämlich fünf Prozentpunkte (von 21 auf 26 Prozent). Obama stoppte damit jenes Phänomen, das sich seit den 1990er-Jahren stets vergrößert hatte: den God-Gap zwischen Republikanern und Demokraten.

Die Vitalität und Intensität des religiösen Lebens in den USA führt auch zu Extremerscheinungen. Dazu gehören die massive Kommerzialisierung der Religion, die weitverbreiteten Endzeitszenarien, die boomenden Megachurches, die äußerst lebendige Home-schooling-Gemeinde (Kinder werden vom öffentlichen Schulsystem ferngehalten und stattdessen zu Hause unterrichtet) oder die fundamentalistisch-christlichen Universitäten, die sich eines regen Zulaufs erfreuen. Insgesamt machen religiöse Bücher bereits elf Prozent des gesamten Buchmarkts aus. Dazu beigetragen hat auch eine gewiefte Strategie: Immer mehr christliche Verlagshäuser gehen Kooperationen mit Supermarktketten ein.

So führt etwa Wal-Mart, die größte Supermarktkette der Welt, mehr als 1200 religiös-spirituelle Bücher im Sortiment. Und weil sich Religion gut verkauft, findet man in den großen Einkaufszentren, ja sogar in Outletcenters, wo es Markenprodukte zu günstigen Preisen gibt, auch Bibel- und Devotionaliengeschäfte. Weitere Beispiele des Geschäfts mit der Religion: Der GodPod ist ein solarbetriebener iPod, der über vollständige Audio-Aufnahmen von Altem und Neuem Testament verfügt und jede Bibelstelle abrufen kann, Bible-Bars sind eine Art von Vitaminriegel, die über in der Bibel empfohlene Inhaltsstoffe verfügen: Feigen, Weintrauben, Honig, Olivenöl etc., Testamints sind Minzzuckerln mit Bibelsprüchen auf der Verpackung, und bei Wait-Wear handelt es sich um Unterwäsche, bedruckt mit Aufrufen zu sexueller Enthaltsamkeit.
Besonderen Auftrieb erhielten in den letzten Jahren so genannte Authentic-Abstinence-Lehrpläne. Diese setzen auf absolute Enthaltsamkeit bis zur Ehe oder wollen zumindest erreichen, dass Jugendliche möglichst lang enthaltsam leben.

Verhütungsmethoden werden in diesen Curricula nicht behandelt, und wenn, dann nur durch die Erwähnung von - oft verfälscht dargestellten - Fehlerquoten. Unterstützt werden Programme dieser Art sowohl durch AbstinenceClubs an Schulen sowie Virginity-Pledges (einen freiwillig geleisteten Eid, der zu Enthaltsamkeit bis zur Eheschließung verpflichtet).Es gibt zurzeit in den USA etwa 700 religiöse höhere Bildungseinrichtungen mit insgesamt 1,7 Millionen Studierenden. Während nach wie vor viele Studierende aus religiösen Privatschulen oder aus Homeschooling-Elternhäusern kommen, entscheiden sich inzwischen auch mehr Schüler aus öffentlichen Schulen für eine solche Ausbildung. Auch die Zahl der Megachurches hat sich seit 2000 verdoppelt und liegt nun bei circa 1200, allein in Kalifornien gibt es 178. Da diese Kirchen sehr nachfrageorientiert sind, gibt es sie in verschiedensten Ausprägungen.

Die Crossover Community Church in Tampa etwa ist auf HipHop spezialisiert, Potter's House Megachurch in Dallas ist die größte Schwarzen-Kirche der USA, deren Messen auch in mehr als 260 Gefängnissen übertragen werden. Die Brentwood Baptist Church in Houston wiederum hat einen anderen Trumpf zu bieten: Sie verfügt über einen eigenen McDonald's auf dem Kirchengelände, inklusive Drive-through. Und die Radiant Church in Surprise, Arizona, wurde bewusst einer Shoppingmall nachempfunden.

Basar religiöser Eigenheiten

Eine der interessantesten Erscheinungen auf dem amerikanischen Basar religiöser Eigenheiten ist die Diskussion um Jesu Rückkehr auf die Erde (Second Coming). Der Autor Hal Lindsey popularisierte in den 1970er-Jahren mit seinem Buch The Late Great Planet Earth die Vorstellung von der baldigen Rückkehr Jesu. Tim LaHaye schloss in den 1990er-Jahren mit der Left Behind Series an: Darin geht es nicht nur um die Rückkehr Jesu, sondern vor allem um das Drama rundherum, nämlich um die Bekehrung von Andersgläubigen zum Christentum, um Armageddon und schließlich um die Entrückung (Rapture) - die Rechtgläubigen werden von Gott in einer Sogbewegung in den Himmel entrückt. Die bis dato 16 Folgen aus dieser Serie verkauften sich mehr als 65 Millionen Mal, auch eine Filmversion gibt es bereits, und für sechs Dollar fünfzig kann man im Left Behind Prophecy Club Mitglied werden. Aufschlussreich ist auch, dass die Person des Antichristen durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen verkörpert wird. Kein Wunder, dass US-Politiker generell davon ausgehen können, zu punkten, wenn sie sich auf die Vereinten Nationen einschießen.

Inspiriert vom endzeitlichen Hype, wurde nun auch eine Website (www.raptureready. com) eingerichtet, die scheinbar wissenschaftlich an das Problem herangeht: Anhand verschiedenster Endzeitindikatoren, wie z.B. Inflation, Liberalismus, falsche Götter, Globalismus oder Beast-Government wird die jeweilige relative Nähe oder Ferne zur Endzeit berechnet. Die negativen Referenda über die EU-Verfassung im Jahr 2005 etwa führten zu einer niedrigeren Bewertung der Indikatoren Beast-Government (dazu zählt allen voran die EU, die immer mehr einer Weltregierung nahekommt) und damit zu einem niedrigeren Gesamtindex. Der bisherige Höchststand wurde nach 9/11 gemessen: 182.

Was sind die wesentlichen Gründe für die unterschiedliche Bedeutung, die der Sphäre des Religiösen in den USA und in Europa zukommt? Hier ist paradoxerweise ganz prominent die strikte Trennung zwischen Kirche und Staat in den USA zu nennen. Diese hatte sich innerhalb von nur 150 Jahren und ohne Blutvergießen vollzogen: Noch Mitte des 18. Jahrhunderts gab es von den 13 Kolonien lediglich zwei, in denen religiöse Freiheit praktiziert wurde: Rhode Island und Pennsylvania. In allen anderen gab es Staatskirchen, im Süden die anglikanische Kirche und im Nordosten gaben die Puritaner, die kongregationalistischen Kirchen den Ton an.
Mit der Aufklärung kamen dann aber deistische Ideen nach Amerika, in deren Mittelpunkt nicht mehr Kirchendogmen standen, sondern Natur und Vernunft als beste Garanten für menschlichen Fortschritt.

Außerdem war gerade die erste große Erweckungsbewegung über die Kolonien gefegt und hatte die aus England tradierten religiösen Traditionen infrage gestellt. Die meisten der Gründungsväter, von Thomas Jefferson bis James Madison, hatten sich vom puritanischen Glauben ihrer Väter emanzipiert und hingen stattdessen deistischen und anderen an der Aufklärung orientierten Ideen nach. John Locke und dessen Überlegungen zur Rolle der Religion in der Gesellschaft etwa hatten großen Einfluss auf die Gründungsväter ausgeübt und wurden, v.a. für Jefferson und Madison zur Richtschnur für ihre eigenen Positionen. Für viele dieser Führungsfiguren in der Unabhängigkeitsbewegung gegen die englische Krone bekam das Streben nach Eigenstaatlichkeit auch eine religiöse Komponente: Der Kampf für die Unabhängigkeit wurde auch zum Kampf gegen den englischen Antichristen.

Die nächsten Wegmarken in Richtung Trennung von Kirche und Staat waren die Bundesstaatenverfassungen, die nach 1776 erlassen wurden und erste Grundrechte enthielten, das Virginia Statute of Religious Liberty und schließlich der erste Verfassungszusatz, der auf Drängen zahlreicher Bundesstaaten 1791 in Kraft trat. Darin wurde sowohl die Trennung von Kirche und Staat als auch die Religionsfreiheit verfügt.

Obwohl dieser Passus ursprünglich nur für die gesamtstaatliche Ebene bindend war, schafften die Bundesstaaten die Privilegien für die Staatskirchen ab. Die Gründe dafür waren das Wachstum der neueren, oft evangelikalen Gemeinschaften während der Erweckungsbewegungen und die starke katholische Zuwanderung aus Europa, die von den bereits eingesessenen Einwanderern als wahre Bedrohung empfunden wurde.

Die Trennung von Kirche und Staat und die Gewährung der Religionsfreiheit erfolgten nicht ohne Rückschläge. Immer wieder gab es Ausbrüche von Intoleranz gegenüber gewissen Religionsgemeinschaften, allen voran gegenüber Katholiken. Letztlich waren es auch die großen Einwanderungswellen und die dadurch ausgelösten Ängste, die zu moralischen Kreuzzügen führten: Die Deutschen und die Südeuropäer wurden der Faulheit bezichtigt, die osteuropäischen Juden der Anstiftung zur Prostitution ("white slavery" ) und alle gemeinsam wurden der Perversion und der Trunksucht bezichtigt. Der Gesetzgeber und die Exekutive reagierten, und das Ergebnis waren das Verbot des Transports von Frauen über Landesgrenzen (Mann Act, 1910), das Verbot der Versendung von obszönem Material durch die Post (Comstockery, 1873) sowie der 18. Verfassungszusatz (Prohibition, 1918).

Der transatlantische Graben

Abgesehen von diesen moralischen Eruptionen wurde die offizielle Trennung von Kirche und Staat weitestgehend umgesetzt. Diese Trennung wurde außerdem - anders als in Europa - in wohlwollender Anerkennung der Leistungen der Religion vollzogen. Insofern lässt sich in den USA von einer freundschaftlichen Trennung sprechen: Die Trennung musste letztlich aufgrund der religiösen Heterogenität und der liberalen Grundkonzeptionen, die bei der Gründung der USA Pate standen, vollzogen werden, sie geschah aber in Würdigung der Bedeutung des Religiösen für das gesellschaftliche und politische Leben.

Nach erfolgter Trennung von Kirche und Staat fiel in den USA der sukzessive entstehenden Zivilreligion die Aufgabe zu, durch Rituale und Symbole die äußerst heterogene Gesellschaft zusammenzuhalten und damit eine quasireligiöse Funktion zu erfüllen. Diese fußt auf den religiösen, größtenteils protestantisch-calvinistischen Überzeugungen der Gründungsväter. Ungeachtet der zunehmenden Konkurrenz durch andere Glaubensgemeinschaften, bildet dieses calvinistische Erbe nach wie vor den Grundstock der Zivilreligion: Dazu gehören biblische Archetypen wie der Exodus, das Auserwählte Volk, das Versprochene Land oder das Neue Jerusalem. Besonders der Themenkomplex Exodus/Auserwähltes Volk/Neues Jerusalem prägte das amerikanische Selbstverständnis nachhaltig und ist bis heute ein zentrales Element der Zivilreligion.

Gerade wegen der strikten Trennung von Kirche und Staat hat sich mit der Ausbreitung des zivil-religiösen Diskurses eine Nische gebildet, in der der Durchschnittsamerikaner nichts Unanständiges sieht. Neben den biblischen Anleihen bedient sich die amerikanische Zivilreligion einer ganzen Palette von religiösen Versatzstücken: angefangen vom vieldiskutierten Fahneneid ("One Nation Under God" ), über das Gottesbekenntnis auf allen Banknoten ("In God We Trust" ) bis hin zur Ablegung des Amtseides amerikanischer Präsidenten auf die aufgeschlagene Bibel. Darüber hinaus beschäftigt der Kongress Hausgeistliche, die sämtliche Sitzungstage mit einem überkonfessionellen Gebet eröffnen. Schließlich gibt es sogar - in deutlichem inhaltlichem Gegensatz zur Verfassung - einen nationalen Feiertag, dem ein christliches Fest zugrunde liegt: Weihnachten.

Neben der Art und der Schärfe der Trennung zwischen Kirche und Staat gibt es eine Reihe anderer Gründe für die unterschiedliche Entwicklung der religiösen Sphären in den USA und Europa. Der bekannte US-Religionssoziologe Peter Berger meint, dass nicht die USA die Ausnahme darstellten, sondern Europa. In den meisten anderen Teilen der Welt sei eine Zunahme des Religiösen zu verzeichnen. Insofern müsse man sich auch von der Modernisierungsthese, die von einer automatischen Verringerung der Religionsintensität bei zunehmendem Wohlstand ausgeht, verabschieden.

Was sind die wichtigsten Gründe für den europäischen Sonderweg? Sicherlich führen die enge Verquickung zwischen Kirche und Staat und die teilweise aktive Mitwirkung an Unrechtsregimen zu einer Ablehnung. Auch verhindert die hervorgehobene Stellung von Staatskirchen in Europa eine Pluralisierung. Mangelnder Wettbewerb führt zu weniger Anstrengung, Mitglieder zu werben. Außerdem führen auch die zentralisierten europäischen Erziehungssysteme zu einer Religionsabnahme.

Die lokal organisierten Schulsysteme in den USA haben eine gegenteilige Wirkung. In Europa forciert auch ein Vorhandensein sozialistischer Bewegungen und anderer Subkulturen mehr antiklerikale Gefühle.
Aber auch in den USA wird die moralisch-religiöse Debatte schriller: Die Diskussionen rund um Abtreibungsfragen, die Homosexuellenehe und die Verwendung religiöser Symbole im öffentlichen Leben überbieten sich an Heftigkeit und lassen gelegentlich Zweifel am amerikanischen Modellcharakter, was das Arrangement zwischen Religionsgemeinschaften und Staat anbelangt, aufkommen.

Diese Auseinandersetzungen belegen, dass die Verfassung zwar eine Richtung für die institutionelle Trennung von Kirche und Staat vorgab, die letztendliche Ausgestaltung aber seit mehr als 200 Jahren im Gang ist und, wie es aussieht, so schnell nicht abgeschlossen werden wird. Bemerkenswert ist schließlich auch die Tatsache, dass es ein Kontinuum der Einschätzung der Bedeutung des Religiösen zwischen den Gründervätern und heutigen Generationen von Amerikanern zu geben scheint: "Of all the dispositions and habits which lead to political prosperity, religion and morality are indispensable support." Diese Einschätzung aus der Abschiedsrede George Washingtons aus dem Jahr 1796 wird auch mehr als 200 Jahre später von einer überwältigenden Mehrheit der Amerikaner geteilt. Und so können wir mit dem amerikanischen Regime Change, der sich nächste Woche vollziehen wird, zwar auf ein politisches Tauwetter im transatlantischen Verhältnis hoffen, an der religiösen Kluft zwischen Amerika und Europa jedoch wird sich kaum etwas ändern. (Von Johann Sattler, Album, DER STANDARD, Printausgabe, 17. Jänner 2009)

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    "Verurteilt nicht andere, damit Gott nicht euch verurteilt" , Barack Obama bemühte die Bergpredigt für seinen Wahlkampf.Foto: Reuters

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