DDR: Revolution lange vor Herbst 1989

18. Jänner 2009, 19:38
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Historiker: Vorgeschichte der Revolution reicht zurück bis Mitte der 80er Jahre

Berlin - Die Revolution in der DDR habe schon lange vor dem Herbst 1989 begonnen. Das erklärte die deutsche Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, diese Woche anlässlich einer Auftaktveranstaltung zum 20-jährigen Gedenken an den Fall der Berliner Mauer in diesem Jahr. Bei dem von der Bundesstiftung Aufarbeitung angesetzten Abend unter dem Titel "Frühjahr 1989 - zwischen Unmut und Aufbegehren" sagte Birthler in Berlin, aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sei erkennbar, dass "der Apparat spürte, dass die Bevölkerung mutiger wurde".

"Zusammenbruchs-Geschichte"

Historisch scheine es nicht klar, wann jenes Frühjahr 1989 begonnen habe und wann es endete, sagte der für die Birthler-Behörde tätige Historiker Sascha Kowalczuk. Als Ungarn Anfang Mai die Grenzen zu Österreich öffnete, sei dies schon Teil der "Zusammenbruchs-Geschichte" gewesen. "Das ganze System lag unheilbar krank danieder", sagte Kowalczuk. Die Vorgeschichte der Revolution reiche zurück bis Mitte der 80er Jahre.

Die Begründung lieferte der Leipziger Kultursoziologe Detlef Pollack: "Das Motiv für Menschen, sich oppositionell zu verhalten, ist die Erfahrung von Repression und Entmündigung", sagte er. "Es war schwer in der DDR, aufrecht als mündiger Mensch leben zu können."

Vernetzte Opposition

Zunächst seien es nicht viele gewesen, die Widerstand geleistet hätten, räumte der damalige Oppositionelle Gerd Poppe ein, der jetzt im Vorstand der Bundesstiftung Aufarbeitung tätig ist. Allerdings habe sich die Bewegung im Lauf der Zeit vernetzt, zwischen den Städten der DDR begann die Zusammenarbeit der Opposition. "Wenn in Leipzig jemand verhaftet wurde, wusste man es wenig später in Berlin", sagte er.

Auch Detlef Pollack räumte ein, dass in Leipzig anfangs etwa 300 Menschen in der Opposition gewesen seien, was weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung entspreche. Deren Wahrnehmung sei gewesen, dass "man nicht an die Menschen herankommt". "Keiner konnte ahnen, dass dann so ein Sturm losbricht", fügte er hinzu und sagte, dass es einen Bruch zwischen dem Frühjahr und dem Herbst 1989 gegeben habe. Allerdings widersprach der frühere Bürgerrechtler Poppe: "Ich lasse mich nicht davon abbringen, dass die kleine Opposition die Initialzündung für diese Revolution war." Und der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Aufarbeitung, Rainer Eppelmann, stellte fest: "Wir können dankbar und selbstbewusst sein und das auch zeigen." (APA)

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