Schwindeln für Europa

15. Jänner 2009, 20:05
27 Postings

Durch die Kunstaktion wird der Mangel an europäischem Geist offensichtlich - Von Adelheid Wölfl

Die Methode hat sich bewährt: Um den eigenen Komplex zu überwinden, muss man ihn maßlos übertreiben und ausnahmslos alle beschwindeln. Das tschechische Universalgenie Jára Cimrman behauptet etwa von sich, das "universelle Schnabeltier" gezüchtet zu haben, er wäre fast der erste Mensch am Nordpol geworden, er erfand die CD ("Cimrman's Discs") und arbeitete als Hebamme in den österreichischen Alpen. Im Jára-Cimrman-Theater in Prag beschäftigt man sich seit 1967 mit dem Werk Cimrmans, der selbstverständlich nie gelebt hat. Cimrman ist die konzentrierte Form des Gefühls der Machtlosigkeit einer kleinen Nation, die von sich selbst glaubt, zu wenig vorweisen zu können und deshalb furchtbar angibt. Allerdings so, dass am Ende alle wissen, dass das alles nur ein Spaß ist.

Auch der tschechische Künstler David Cerný sagt, es ginge ihm darum, sich über sich selbst lustig zu machen. Er mystifiziert wie die Anhänger Cimrmans, um den Nationen in Europa eine Lektion zu erteilen. Die empörten nationalistischen Reflexe, die seine Installation "Entropa" in Bulgarien oder der Slowakei hervorgerufen haben, sind nicht nur lustig, sie zeigen auch, dass Cernýs Lektion gut ist. Denn durch die Kunstaktion der Prager Ratspräsidentschaft wird der Mangel an europäischem Geist richtig offensichtlich.

Dass sich die tschechische Regierung jetzt für etwas entschuldigt, für das sie sich gar nicht entschuldigen kann, ist wieder - wenn auch unabsichtlich - Ironie. Denn es spiegelt eigentlich die Nationalismen der anderen wider. Echte Europäer sollten sich darüber sogar lustig machen. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2009)

 

Share if you care.