Erfolgsmodell kommt ins Schleudern

15. Jänner 2009, 18:54
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Europäische Entwicklungsbank: 2009 wird sich das Wachstum in Reformländern krisenbedingt stark reduzieren

"So etwas habe ich als Ökonom noch nicht erlebt, dass drei Monate alte Prognosen derartig stark revidiert werden müssen", sagt Simon Commander, Professor an der London Business School und Redaktionsleiter des neuen "Transition Report" der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) bei der Präsentation des Berichts in der Nationalbank in Wien. Als Beispiel für die Unsicherheit nennt der Engländer die Kennzahlen für die Ukraine: "Im November gingen alle Institute im Schnitt noch von vier Prozent Wirtschaftswachstum für 2009 aus, wir lagen bei plus ein Prozent. Der Stand von gestern ist: minus fünf Prozent." Russland wurde von rund vier Prozent auf zwei Prozent rückgestuft, "wobei das noch optimistisch ist und die Russen noch glücklich sein müssen, wenn sie nicht in Minus rutschen".

Die EBRD vergibt Kredite in Reformländern - von Ostmitteleuropa über den Balkan bis zu den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in Mittelasien - und analysiert im Transition Report regelmäßig die Volkswirtschaften auf ihrem Weg zu einer Marktwirtschaft westlichen Zuschnitts. Für 2009 erwartet die Bank für alle Regionen eine scharfe Bremsung bei den Wachstumsraten: 2007 waren die Länder im Durchschnitt noch für ein BIP-Plus von 7,5 Prozent gut (und lagen damit deutlich über dem Wachstum der westlichen Industriestaaten). Für 2008 werden vorläufig 6,3 Prozent angenommen, doch heuer werde das Wachstum unter zwei Prozent fallen.

Geldfluss ausgetrocknet

Commander sieht das bisherige Erfolgsmodell im Aufholprozess der Reformländer ernsthaft gefährdet: Das Wachstum finanzierte sich über hohe Leistungsbilanzdefizite, Geld floss aus den "reichen" Ländern via Direktinvestitionen und Bankdarlehen in die "ärmeren" Länder. Dies bewirkte hohe Wachstumsraten, Reformen der Institutionen, (meist) stabile öffentliche Haushalte und Reserven durch die jüngste Rohstoff-Hausse.

Die Finanzkrise rüttelt gewaltig an der Stabilität: Der private Sektor ist hoch verschuldet, die Umschuldung (von Fremdwährung in die eigene Währung) ist teuer, die westlichen Mutterbanken trocknen die Geldflüsse zu den Töchtern im Osten aus. Die Unsicherheit führt weiters dazu, dass die Kunden Geld von den Konten der Ostbanken abziehen. Gleichzeitig reißt das Wachstum der Industrieproduktion ab, weil die Exportmärkte nicht mehr funktionieren.

Besonders hart getroffen werden Länder wie Russland und Kasachstan, deren Wirtschaft unverhältnismäßig stark von Rohstoffen abhängig ist. Commander rät zu mehr Bildungsausgaben. Diese werden jedoch durch die prekärer werdende Situation der Staatshaushalte, belastet von diversen Rettungspaketen, erschwert. (szem, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16.1.2009)

 

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