Vergebene Chancen in Linz

15. Jänner 2009, 18:53
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In der Kulturhauptstadt gehen Mut und Profil im Parteiengezänk unter

Linz ist Europäische Kulturhauptstadt - nur wenige nehmen Notiz davon. Bei den Eröffnungsfeiern glänzte die für Kultur zuständige Bundesministerin Claudia Schmied mit Abwesenheit. Das hat Symbolkraft: Es zeigt den Stellenwert, den man Kunst und Kultur außerhalb Wiens beimisst.

Die anwesenden oberösterreichischen Politiker nutzten dagegen die Wiedereröffnung des umgebauten Ars Electronica Centers (AEC) dafür, sich vor internationalem Publikum peinliche Scharmützel zu liefern. Nachdem die Kosten von veranschlagten 14 Millionen auf 30 Millionen Euro gestiegen waren, seien die Linzer „zum Land gepilgert und niedergekniet", sagte Bürgermeister Franz Dobusch (SPÖ). Er habe die Linzer noch nie knien sehen, konterte der ÖVP-Landeshauptmann Josef Pühringer und forderte Dobusch auf, seine Aussage zurückzunehmen. Nicht nur die Gäste aus dem Ausland hatten Probleme zu folgen. So provinziell präsentiert man sich Europa und der Welt in Linz.

Dabei war die Eröffnung des AEC, das ein „Museum der Zukunft" sein will und in den ersten Tagen regelrecht von Besuchermassen gestürmt wurde, einer der Höhepunkte des Kulturhauptstadtjahres. Das AEC soll für das neue Linz stehen und ein Zeichen für den kulturellen Aufschwung sein. Denn ein architektonisches Wahrzeichen der Kulturhauptstadt, wie es etwa Graz 2003 mit dem neuen Kunsthaus geschaffen hat, gibt es in Linz nicht. Vielmehr ging von Linz09 der Impuls aus, zum Teil längst überfällige Investitionen auch im Kulturbereich zu tätigen. Insgesamt 250 Millionen Euro gibt es nun vom Land für die Erweiterung des AEC, den Neubau des Südflügels des Linzer Schlossmuseums und den Bau des neuen Musiktheaters.

Letzteres gerät immer mehr zu einer weit über Linz hinaus beachteten Posse. Die ursprünglichen Pläne für den Bau einer Oper im Berg hat sich die Landesregierung durch die FPÖ abschießen lassen, die eine Volksbefragung initiierte. Ein derartiges Opernhaus hätte - wie in Sydney - Aufsehen erregt. Das Guggenheim-Museum in Bilbao zieht hunderttausende Besucher an. Wie die Unternehmensberater von Arthur D. Little errechnet haben, beträgt der Gewinn 650 Millionen Euro für das Baskenland. Durch das Museum entstanden in der Region in den Hotels und der Gastronomie sowie in der Kreativwirtschaft insgesamt 4399 Arbeitsplätze. Das Image von Bilbao hat sich nicht drastisch verändert. Linz verpasste die Chance, entlang der Donau eine Kulturmeile entstehen zu lassen: Gegenüber vom Brucknerhaus, in Nachbarschaft zum modernen Museum Lentos und dem AEC, hätte das Opernhaus gebaut werden können. Aber der „Urfahraner Markt" und Parkplätze sind wichtiger.

Der Alternativstandort ist „in the middle of nowhere" zwischen Hauptbahnhof und Fußgängerzone. Weil dem Gestaltungsbeirat der Stadt und dem Bauherrn, dem Land, die Fassade des britischen Architekten Terry Pawson nicht gefiel, wurde jetzt ein ausführendes Architekturbüro aus Graz und unterstützende oberösterreichische Architekten bestellt. Damit entstehen Mehrkosten, womit wieder die Finanzfrage in den Vordergrund rückt.

Die Schwächen der Programmplaner sind in ausländischen Medien durch die gelungene Führer-Ausstellung und die Pessoa-Ausführung verdeckt worden. Weitere Programmpunkte gibt es genug - alleine, es fehlt ein roter Faden. Die ganze Kulturhauptstadtinszenierung wirkt wie die Best-of-Austria-Ausstellung im Lentos, die Erwartungen weckt, dass hier wirklich das Beste ausgestellt wird, was österreichische Museen und Sammlungen zu bieten haben. Herausgekommen ist ein beliebiges Sammelsurium. Linz hat Chancen vergeben. (Alexandra Föderl-Schmid / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.1.2009)

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