Tschechien entschuldigt sich für Kunstwerk

15. Jänner 2009, 18:56
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Künstler David Cerný sagt, er habe mit "Entropa" die Regierung "absichtlich hinters Licht geführt"

Brüssel - Die tschechische EU-Ratspräsidentschaft hat sich für das Kunstwerk "Entropa" offiziell entschuldigt. "Ich entschuldige mich bei Bulgarien und seiner Regierung, wenn sie sich angegriffen fühlen" , sagte Vizepremier Alexandr Vondra. Dies gelte auch für alle anderen, die sich beleidigt fühlten. Sollte Bulgarien, auf dem Kunstwerk als Stehklo dargestellt, darauf bestehen, "werden wir es entfernen" , versicherte Vondra.

"Natürlich bestehen wir darauf" , sagte eine Sprecherin der bulgarischen EU-Botschaft am Donnerstag in Brüssel. Man habe bereits einen zweiten Brief mit dieser Forderung an die tschechische EU-Ratspräsidentschaft und einen weiteren an den EU-Außenpolitik-Beauftragten Javier Solana geschickt.

Vondra distanzierte sich auch von der Sicht des Künstlers David Cerný auf Europa. Das Kunstwerk bringe nicht zum Ausdruck, wie die tschechische EU-Präsidentschaft Europa sehe, sagte Vondra. "Entropa ist nur Kunst, nicht mehr und nicht weniger." Tschechien habe mit der Installation zeigen wollen, dass zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges Zensur keinen Platz in Europa habe. Die "größte und unangenehmste Überraschung" sei allerdings gewesen, dass Cerný und sein Team selbst die Länderporträts angefertigt hätten und nicht wie vereinbart Künstler aus den 27 EU-Staaten.

Auch Cerný entschuldigte sich bei seiner Regierung, "die ich absichtlich hinters Licht geführt habe" . Er und sein Team hätten sich mit der Installation über sich selbst lustig machen wollen. Auch bei Bulgarien entschuldigte er sich, die Darstellung des Landes sei "leider missverstanden" worden.

Das Kunstwerk soll bis Juni im Brüsseler Ministerratsgebäude bleiben. Cerný kündigte an, jene staatliche finanzielle Unterstützung, die er für das Projekt erhalten sollte, wieder an die Regierung zurückzugeben. Er stritt aber ab, dass sein Kunstwerk etwa Dänemark als Mohammed-Karikatur mit Legosteinen darstellen sollte. Angesprochen auf die Darstellung Deutschlands mit Autobahnen, die Betrachter an ein Hakenkreuz erinnern, sagte er: "Wir werden nicht über individuelle Länder sprechen. Wenn Sie mir erzählen wollen, dass neun verbundene Linien Autobahn ... Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden."

Er fühle sich nicht als Sieger, sagte Cerný. "Wir hatten ernsthaft erwartet, dass es als Witz und als nettes Kunstwerk genommen würde." Pospíszyl meinte: "Von Anfang an war das angelegt als Schwindel, eine Mystifizierung, die entlarvt werden würde." Auch die Slowakei protestierte gegen die Darstellung des Landes als Würstchen, das von der Nationalflagge Ungarns eingewickelt ist. Tschechiens Premier Mirek Topolánek sagte: "Was Kunst angeht, bin ich nicht so gut. Ich werde mir anschauen, worüber alle lächeln und entrüstet sind."

In Prag wurde die riesige EU-Flagge, die auf einem Felsen gehisst worden war, zum zweiten Mal beschädigt. (dpa, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2009)

  • Das Kunstwerk "Entropa" zeigt die 27 EU-Mitgliedsstaaten. Die
Installation im EU-Ratsgebäude in Brüssel zieht viele Besucher an.
    foto: epa

    Das Kunstwerk "Entropa" zeigt die 27 EU-Mitgliedsstaaten. Die Installation im EU-Ratsgebäude in Brüssel zieht viele Besucher an.

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