Das System frisst und nährt seine Kinder

15. Jänner 2009, 18:49
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Gerhard Hitzel, früher ÖFB-Trainerausbildner, derzeit Leiter der Akademie von Lok Moskau, zieht Vergleiche

Wien/Moskau - Ein Problem des Ausbildungssystems im Fußball und überhaupt ist das System. Es fordert Erfolg für sich selbst, beispielsweise in Gestalt der Nachwuchsmannschaften. Und es setzt dem übergeordneten Ziel, nämlich der optimalen Förderung des auszubildenden Individuums, Grenzen und innerhalb der Grenzen Widerstände entgegen. Genau dieses vom ÖFB bekannte Syndrom - wer erinnert sich nicht an den Jubel über den vierten Platz im Breitenfußballturnier U20-WM? - lernte Gerhard Hitzel (61) in der Akademie von Lok Moskau kennen.

Hitzel: "Bei den Russen läuft alles über die Masse." Viele Kinder werden aufgenommen, viele Kinder werden verheizt, das Jahresprogramm sah eine einzige Regenerationsphase von drei Wochen vor. Die Selektion lässt die Härtesten, jedoch nicht unbedingt die Talentiertesten überleben. Hitzel: "Die Grundtechnik der Russen ist exzellent, aber an der Spitze sehe ich nicht viele Kreative."

Lok Moskaus Ausbildungsschule beschäftigt 16 hauptberufliche Trainer, pro Mannschaft (U11 bis U17) zwei, auf dem Gelände stehen eine Schule, ein Internat, eine Vollplatzhalle plus Trainingszentrum sowie diverse Plätze, auch mit Kunstrasen. Jeder Trainer beutet sein Team aus, um so gut wie möglich dazustehen. Seit Anfang 2008 leitet Hitzel die Akademie, Loks Cheftrainer Rashid Rachimow hat ihn mitgebracht.

Das erste Jahr nutzte Hitzel für die Analyse und die Auswahl der Trainer, zu Jahresbeginn 2009 versammelte er seine (mit jungen, lernwilligen Coaches aufgefüllte) Truppe, der unter anderem eine 23-jährige Konditionstrainerin angehört, zu einer Klausur in Antalya, um die grundlegenden Änderungen zu verkünden und zu diskutieren.

Hitzel verbrachte 35 Jahre beim ÖFB, er war U21-Coach, Leiter des Trainerreferats und einer der wenigen Querdenker im braven, konsensualen Mitarbeiterstab. Hitzel: "Man kann sagen, dass ich jetzt das Programm verwirklichen kann, das ich mir seit vielen Jahren vorgenommen habe." Was er noblerweise nicht dazu sagt: Auch im ÖFB behaupten sie, mündlich und in Hochglanzbroschüren, den Spieler in den Mittelpunkt der didaktischen Bemühungen zu stellen. Im Alltag allerdings schrillt das Trainerpfeiferl, wenn junge Kicker "anders, verrückter, ausgefallener" sind, als es Lehrplan oder Taktik vorsehen.

"Der Okotie ist ein Beispiel, er hat sich in der Ausbildung nicht verbiegen lassen. Der hat immer schon gedribbelt, wie er wollte, auch wenn den Trainern der Schaum vor dem Mund gestanden ist. Und recht hat er gehabt, er ist einer der wenigen, die der Austria und dem Team helfen können."

Immer mehr russische Klubs kaufen vor allem in der Ausbildung ausländisches Know-how zu, die Akademien von ZSKA und Dynamo Moskau sowie von Petersburg leiten Niederländer. Übrigens auch die Akademie des ukrainischen Klubs Schachtjor Donezk, der Salzburg aus der Champions-League-Quali bugsierte. Hitzels Trainingscredo bekämpft den Wiederholungsstumpfsinn mit "Hirntraining", also Übungsformen, die zwar zahlreiche Wiederholungen von Bewegungsabläufen vorsehen. Aber die Übungen werden in stets neue Situationen - man könnte auch sagen Rätsel - gepackt, um die Spieler zu geistiger Wachheit anzuhalten.

Hitzel: "Torschüsse, so oft wie möglich, aber mit einem verbundenen Auge, aus verschiedenen Lagen, mit Medizinbällen, mit Gegner. Auch im Spiel muss der Kicker immer eine andere Bewegungsaufgabe lösen." Ob sich die Bemühungen und Innovationen auszahlen, ist freilich nicht garantiert, das weiß er. Hitzel: "Im Fußball ist eins plus eins alles, nur nicht zwei." (Johann Skocek; DER STANDARD Printausgabe 16. Jänner 2009)

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