Richtig sitzen verlängert das Leben

16. Jänner 2009, 09:22
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Entdeckt: Wie Tarnmuster von Nachtfaltern perfekt mit Hintergrund harmonieren

Ottawa/London - Ein Sommertag in einem kanadischen Laubwald: Auf dem Stamm eines stattlichen Zuckerahorns hat sich ein Nachtfalter niedergelassen. Seine gefleckten Flügel und sein Körper scheinen mit der rissigen Rinde zu verschmelzen. Offensichtlich fühlt sich das gut zweieinhalb Zentimeter lange Tier der Art Catocala cerogama trotz seiner exponierten Lage absolut sicher. Ein Blauhäher hüpft auf einem nahen Ast herum, der Falter regt sich dennoch nicht. Das Insekt verlässt sich vollkommen auf seine Tarnung. Zu Recht.

Das Farbmuster zahlreicher Nachtfalter- und Mottenarten gilt unter Wissenschaftern als ein Paradebeispiel für die optische Täuschung von Fressfeinden. Was nicht erkannt wird, wird eben auch nicht verspeist. Doch einigen Experten war schon früher aufgefallen, dass nicht nur die Färbung an sich für die Tarnwirkung verantwortlich sein könnte, sondern auch die Position der Insekten auf einer Oberfläche.

Ein Biologenteam der Carleton University in Ottawa hat diese Sache nun genauer untersucht. Sie machten sich in zwei Wäldern auf systematische Suche nach rastenden Exemplaren von C. cerogama und Teppichmotten. "Das ist sehr arbeitsintensiv", sagt Studienleiter Tom Sherratt gegenüber dem Standard. Stundenlang starrten die Biologen auf Stämme und klopften diese anschließend ab, um ja kein Insekt zu übersehen. Jedes ungestört gefundene Tier wurde in seiner ursprünglichen Position fotografiert. Die Auswertung der Bilder ergab: Catocala saß immer ausgerichtet am Stamm, entweder mit dem Kopf nach oben zur Krone hin oder nach unten zum Boden.

Um den möglichen Nutzen der beobachteten Sitzstrategie zu testen, entwarfen die Wissenschafter ein raffiniertes Experiment. Im Computer montierten sie Bilder von C. cerogama und Teppichmotten auf einer Hintergrundaufnahme von Zuckerahorn-Rinde und setzten die fotografierten Tiere dabei in unterschiedlichen Winkeln auf. Dann bekamen Versuchspersonen die Montagen gezeigt.

Menschen als "Fressfeinde"

Sie sollten möglichst schnell das Insekt ausfindig machen. Das gelang den zweibeinigen "Fressfeinden" nicht immer gleich gut - im Gegenteil. Catocola-Falter, die mit dem Kopf "nach unten" saßen, wurden deutlich seltener und langsamer entdeckt als anders orientierte. Für die ganz unterschiedlich gefärbte Teppichmotte erwies sich die Position quer zum Stammverlauf als optimal. Die Studie erschien heute im Fachblatt Philosophical Transactions of the Royal Society B (Bd. 364, S. 503), dessen neueste Ausgabe ganz im Zeichen der Tarnens im Tierreich steht.

Offensichtlich ist die Wirkung der Tarnmuster stark von ihrem Zusammenspiel mit der Struktur der Baumrinde abhängig, und nicht nur von dessen Farbe. Wenn der virtuelle Baum in die Horizontale gedreht wurde, ließ sich das Suchergebnis weitgehend reproduzieren. Aber passiert das auch in der Natur? Setzen sich Nachtfalter und Motten auf umgestürzte Stämme ebenfalls optimal hin?

"Dieser Frage sind wir im vergangenen Sommer nachgegangen", sagt Tom Sherratt. "Es scheint tatsächlich so zu sein, dass die Tiere die Ausrichtung des Baumes erkennen können, aber die genaue Auswertung dieser Feldstudie steht noch aus." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. Jänner 2009)

Abstract
Philosophical Transactions of the Royal Society B: Behaviourally mediated crypsis in two nocturnal moths with contrasting appearance

  • Perfekte Tarnung: Neben dem Flügelmuster kommt es auch auf die passende Ausrichtung an.
    foto: t. sherratt

    Perfekte Tarnung: Neben dem Flügelmuster kommt es auch auf die passende Ausrichtung an.

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