Mit Shakespeare in den Touropa-Katalog

15. Jänner 2009, 18:39
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Großes Theater für etwas Kleinere: Thomas Birkmeirs Inszenierung der "Komödie der Irrungen" im Wiener Theater der Jugend

Wien - Als der große William Shakespeare noch nicht seine ganze Größe besaß, aber schon von nahezu unbekümmerter Heiterkeit war, eiferte er in den 1590er-Jahren mit verblüffendem Erfolg dem Römer Plautus nach. Er gab, als wäre es die selbstverständlichste Sache auf der Renaissance-Welt, den souveränen Verwechslungskomödiendichter. Alles in der Komödie der Irrungen ist ein Spiel mit der Verdoppelung: Der aus Ephesus stammende Edelmann Antipholus ist, so will es die Versuchsanordnung, identisch mit einem gleichnamigen Müßiggänger in Syrakus.

Er mimt im Theater im Zentrum, wo Thomas Birkmeir Shakespeare für das Theater der Jugend famos unterhaltend inszeniert, den unverantwortlichen Pauschalurlauber (Stefano Bernardin): latent zahlungskräftig, von einer bösen Amüsierwut getrieben, sofort in alle Existenzabgründe stürzend. Er führt mit Dromio (Sebastian Wendelin) aber auch einen weltweisen Narren als gehetzten Diener mit sich, der seinerseits einen sizilianischen, vor Ort ansässigen Doppelgänger besitzt, der mit den bedrohlichen Schattenwirkungen seines Zwillingsbruders wie mit einer Heimsuchung kämpft.

Durch diesen Stoff spuken, als Touristen verkleidet, bereits E.T.A. Hoffmanns Geistererscheinungen. Birkmeir, der auch 13-Jährige bedienen muss, hebt den Schwank in die Niederungen der Wohllebenssphäre herüber: Vor einem Ansichtskartenprospekt dreht sich ein Glashaus mit azurblauen Säulen, dessen Wohntrakte sich wie die Seiten einer Komödienchronik umblättern lassen (Bühne: Andreas Lungenschmid).
Der inszenierende Intendant schafft aber noch mehr: Er hetzt ein wie von Taranteln gestochenes Ensemble durch Shakespeares Komödien-Kraftraum. Er zeigt eine Woody-Allen-Upper-Class, die an ihren Identitätszuschreibungen böse herumkaut wie an hässlich abgebissenen Daumennägeln. Großes Theater für etwas Kleinere, mit genialen Einzelleistungen (Wendelin, Heidelinde Pfaffenbichler). (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.1.2009)

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