Schwere Zeiten

15. Jänner 2009, 17:50
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US-Gitarrengott Scott "Wino" Weinrich und sein Meisterwerk "Punctuated Equilibrium"

Erinnerung ist eine Lücke in der Zeit, die uns fehlt. Nehmen wir zum Beispiel die 1980er-Jahre. Gerne wird heute vergessen, dass diese nicht nur aus Schulterpolstern, Drei-Wetter-Taft-Frisuren und verhallten elektronischen Schlagzeug- und Synthesizersounds bestanden. Allesamt Wiedergänger, die die Popwelt schon seit Jahren wieder verstärkt über die Trendbastion junger Mensch heimsuchen - und für schreckliche Déjà-vus bei den Alten sorgen. Anfang/Mitte der 80er-Jahre tauchte im Underground aber auch wieder die harte, schwere Gitarrenmusik auf. Nachdem der Postpunk über die New Wave reitend in der Hitparade gelandet war, zelebrierten US-amerikanische Bands aus einer Protesthaltung der Modernitätsverweigerung heraus neben einem Stil, der sich damals Cow-Punk nannte, gern auch wieder Tabustile wie Hard-, Heavy- und Blues-Rock.

In authentischem Hell's-Angels- und Gitarrenroadie-Outfit inklusive drastischer Tattoos gelangte damals von der amerikanischen Westküste aus auch ein gewisser Scott "Wino" Weinrich bald zu bescheidener Berühmtheit. Als Gitarrist und Kopf von heute kultisch verehrten Bands wie The Obsessed und Saint Vitus erfand er damals nicht nur den düsteren, schweren Doom-Rock - eine den dumpfen Mystizismus von Black Sabbath in prosaische Biker- und Giftler-Hütten umleitende Spielart des Metal, die Spurenelemente von zeitgenössischem Punk und Hardcore beim Musizieren mitdachte. Wenn Denken gerade unbedingt notwendig war. Insbesondere mit den bis heute stilistisch erheblich nachwirkenden Saint Vitus gelang es Weinrich damals auch, das lang verpönte Element der Langsamkeit in zeitlupenhaften Songs wie Born Too Late zu unvermuteter Dringlichkeit zu verdichten.

Mit tiefer gestimmter Gibson-Gitarre bereitete Wino Weinrich von der Form und dem Gruppenklang her den kommerziellen Boden für heute in den Hitparaden wildernde Bands wie Queens Of The Stone Age. Souliger, im Gegensatz zu den schweren Akkordfolgen leichter, fast heiter klagender Gesang und brummige Sololäufe auf der Sechssaitigen kennzeichnen nach Zwischenstationen in den Formationen Spirit Caravan und The Hidden Hand nun auch Winos erstes Soloalbum, Punctuated Equilibrium.

Wertkonservative Arbeit

Mit Jean Paul Gaster von der befreundeten Heavy-Rock-Partie Clutch am Schlagzeug und Jon Blank von Rezin am Bass setzt Wino jetzt in den elf neuen Stücken auf wertkonservative Kontinuität. Zwar steht der Gitarrist gegenwärtig schon wieder mit einer neuen Band im Studio, der Allstarcombo Shrinebuilder mit Genregrößen wie Scott Kelly von Neurosis und Melvins-Drummer Dale Crover. Die jetzt auf Punctuated Equilibrium veröffentlichten Songs, allen voran Release Me, Eyes Of The Flesh oder Secret Realm Devotion, beweisen allerdings, dass es Weinrich auch solo nach über einem Vierteljahrhundert im Geschäft noch ganz ordentlich krachen lassen kann. Hier verdichtet sich ein ganzes Genre zu einer zeitlosen Größe. Diese erlaubt eines: Eine scheinbar schon vor 40 Jahren vollständig erforschte und ausgeschöpfte Kunst wird ganz locker aus dem Ärmel gerockt mit neuem Leben erfüllt. You want heavy? You got heavy! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.1.2009)

 

Wino - Punctuated Equilibrium (Southern Lord / Trost)

www.southernlord.com

  • Der große US-Heavy-Rock-Gitarrist Scott "Wino" Weinrich (The Obsessed, Saint Vitus) veröffentlicht endlich ein erstes Soloalbum, "Punctuated Equilibrium".
    foto: southern lord

    Der große US-Heavy-Rock-Gitarrist Scott "Wino" Weinrich (The Obsessed, Saint Vitus) veröffentlicht endlich ein erstes Soloalbum, "Punctuated Equilibrium".

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