"Es nervt, wenn der Blutdruckmesser nicht funktioniert"

9. Februar 2009, 09:45
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Thomas Geierspichler über Motivation, Glaube und Probleme

derStandard.at: Sie haben ja bei den Paralympics 2008 in Peking Gold geholt. Was spornt Sie zu solchen Höchstleistungen an?

Geierspichler: Mein Glaube. Das hat nichts mit Kirchegehen zu tun, sondern ich glaube, dass man durch den Glauben alles erreichen kann. Ich schränke mich nicht von vorneherein selber ein, sondern bin empfänglich für unendliche Energie. Die kanalisiere ich eben in das, was ich tue.

derStandard.at: Auf Ihrer Homepage steht, dass Sie sich selbst besiegt haben auf dem Weg zum Olympiasieger. Muss man sich selbst besiegen um erfolgreich zu sein?

Geierspichler: Negativen Einflüsse, wie Zweifel, die einen vom Ziel abhalten wollen, muss man einfach besiegen. Probleme muss man zwar bewusst erkennen, aber man sollte sich nicht nur mit ihnen beschäftigen, sondern nach vorne schauen.

derStandard.at: Sie selbst halten auch Motivationsseminare. Was geben Sie da weiter?

Geierspichler: Dass im Endeffekt alles möglich ist. Probleme löst man, indem man den Kopf hebt, sonst kommt man in eine Negativspirale.

derStandard.at: In Interviews sprechen Sie ganz offen darüber, dass Sie nach Ihrem Unfall in ein tiefes Loch gefallen sind, mit Alkohol und Drogen zu tun hatten. Wie gelingt es Ihnen damit so offen umzugehen?

Geierspichler: Weil ich weiß, dass ich meine Probleme überwunden habe, kann ich offen über die Vergangenheit reden. Das zu verheimlichen ist der falsche Weg. Für mich ist Kommunikation das wichtigste, denn im Endeffekt ist alles Beziehung. Und wenn man Kommunikation betreiben will, muss man einfach die Karten auf den Tisch legen.

derStandard.at: Sie haben in der Öffentlichkeit ein "cooles" Image. Sehen Sie sich als Vorbild?

Geierspichler: Ich will nicht absichtlich ein Vorbild sein. Wenn sich einer daran aufrichten kann, freut es mich. Ich halte aber generell nichts von Vorbildern, denn man vergisst seine eigene Identität zu leben. Auch Vorbilder werden nur zu Vorbildern, weil sie ihr eigenes Leben leben.

derStandard.at: Viele Sportler haben es nach Karriereende schwer im Berufsleben Fuß zu fassen. Was haben sie vor?

Geierspichler: Ich mache mir da gar nicht so viele Gedanken. Ich glaube zum richtigen Zeitpunkt werde ich wissen wie es weiter geht.

derStandard.at: Gibt es ein Ziel, das Sie unbedingt noch erreichen wollen?

Geierspichler: Wir haben einen Verein gegründet - WalknRoll - wo wir Menschen mit Behinderungen beim Erreichen ihrer Visionen unterstützen. Diese sind wieder Multiplikatoren in der Gesellschaft, an denen sich andere wieder aufrichten können. Die Arbeit des Vereins ist mir ein Anliegen. Ich halte es für möglich, dass ich wieder einmal gehen kann. Das ist eine Sache, an die ich glaube.

derStandard.at: Was wünschen Sie sich für behinderte Menschen in der Arbeitswelt?

Geierspichler: Es sollten keine Unterschiede zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen gemacht werden. Ein Rollstuhlfahrer zum Beispiel kann genau so hinter einem Schreibtisch sitzen wie ein nicht behinderter Mensch. Und wenn jemand mit Handicap gerne arbeiten möchte, sollte er nicht aufgrund dessen eingeschränkt werden. Aus Mitleid möchte ich aber keine Arbeit bekommen.

derStandard.at: Was wollten Sie als Kind werden?

Geierspichler: Als ganz kleiner Bub wollte ich Fußballer werden, später Kunstschmied. Mein Weg hat sich dann aber so ergeben, dass ich Bauer werde. Wir haben zuhause einen Bauernhof gehabt. Im Rollstuhl war das für mich aber nicht zu realisieren. Ich habe den Hof dann umgebaut und weitervermietet an Therapeuten und auch vier Urlaubs-Appartments sind drinnen. Man muss eben für alles offen sein.

derStandard.at: Gibt es einen typischen Arbeitstag im Leben des Thomas Geierspichler?

Geierspichler: Ich stehe in der Früh auf, frühstücke, trainiere, dann Mittagessen, kurzes Nickerchen, dann wieder trainieren, Abendessen, Fernsehen, Schlafen gehen. Sonntag habe ich frei. Pro Tag trainiere ich vier bis sechs Stunden in zwei Trainingseinheiten. Seit dem Marathonsieg hatte ich viel Stress, auch wegen der vielen Medientermine. Im Endeffekt ist es nicht nur ein Job, sondern auch eine Lebenseinstellung.

derStandard.at: Gibt es etwas, das Sie stresst oder nervt im Job?

Geierspichler: Wenn der Blutdruckmesser nicht funktioniert. Aber im Grunde mag ich das, was ich tue.

derStandard.at: Was machen Sie zur Entspannung?

Geierspichler: Sex, Fernsehen, Lesen, im Bett liegen. (Marietta Türk, derStandard.at, 9.2.2009)

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    Thomas Geierspichler.

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