Weitsichtiges Wirtschaften nach der Finanzkrise

15. Jänner 2009, 15:23
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Das weltweite Platzen immer weiterer Vermögensblasen offenbart, wie wenig weitsichtig unsere Wirtschaft ausgerichtet ist - Von Ralf Becker

Ich möchte mich aufgrund der Entwicklungen der letzten Monate auf mehrere vorherige Beiträge dieser Diskussion zu unserem Finanz- und Geldsystem beziehen:

Die Finanzkrise hat uns in den letzten Monaten an den Rand eines Abgrunds geführt. Inzwischen ist offensichtlich, was Gerhard Senft, Franz Segbers und Wilhelm Guggenberger als Religion des Geldes skizziert haben: Der Götze Geld hat sein wahres Gesicht gezeigt. Die Geldwerte, die von Finanzjongleuren rund um die Welt in den letzten Jahrzehnten vermeintlich geschaffen wurden, sind zum großen Teil nichts als leere Luftblasen.

Das weltweite Platzen immer weiterer Vermögensblasen offenbart, wie wenig weitsichtig unsere Wirtschaft ausgerichtet ist. Wie in vielen Beiträgen dieser Diskussion schon angedeutet merken die Menschen, dass die Sicherheit unseres Wirtschaftssystems im Grunde auf wackeligen Beinen steht. Kein Wunder - sind doch allein in Deutschland die privaten Geldvermögen von 1950 bis zum Jahr 2000 real um das 31-fache gewachsen, die Realwirtschaft jedoch nur um das 6-fache.

Tiefer Abgrund

Der Abgrund hinter unserem Götzen Geld ist entsprechend groß: im Grunde ist nur ca. ein Fünftel unseres angesparten Vermögens von Realwerten gedeckt. Je mehr diese Wahrheit ins Bewußtsein dringt, desto mehr wird Geld seinen göttlichen Status verlieren. Derzeit erliegen wir noch der Religion des Geldes.

Heilsam wird sein, die Wahrheit zu erkennen, dass die jetzigen Rettungspakete für die Banken uns zwar kurzfristig vor einem Zusammenbruch bewahren, jedoch noch keine Basis für eine langfristige Stabilität unseres Wirtschaftens liefern. Denn die inflationäre Überbewertung der Vermögen wird durch die Staats-Bürgschaften aufrecht erhalten.

Unser bisheriges Geldsystem erscheint uns göttlich, weil es sowohl räumlich als auch zeitlich grenzenlos erscheint - Attribute, die das Wesen Gottes ausmachen. Mit dem Euro kann ich weltweit agieren. Mit dem durch Zinseszins ewig wachsenden Geld erlange ich Kontrolle über die Zukunft - eine Macht, die bisher Gott vorbehalten war.

Jetzt wird klar, dass mit zunehmender räumlicher Distanz des Geldverkehrs auch zunehmende Verantwortungslosigkeit um sich greift (Peter Winzeler: „ohne verantwortliches Subjekt prozessierendes Kapital"). Regionale Geldsysteme wie das 1932 in Wörgl herausgegebene zeigen auf, wie wir Geld wieder auf ein menschliches Maß reduzieren können.

Nachhaltige Entwicklung

Die Studie „Wie wir wirtschaften werden" der Europ. Akademie der Wissenschaften und Künste zeigt auf, dass unser Geldsystem eine nachhaltige Entwicklung verhindert, indem es systematisch zu wachsender Instabilität, ungerichtetem Wachstumszwang, Kurzfristorientierung und asymmetrischer Wohlstandsverteilung führt.

So liegen seit 30 Jahren die Zinssätze in den führenden Industrieländern weit über der Wachstumsrate der Realwirtschaft, wie bereits Stephan Schulmeister betonte.

Bei hohen Zinssätzen jedoch rechnen sich z.B. langfristige Investitionen in Umweltprojekte nicht - ein wesentlicher Grund, warum der Klimaschutz unfinanzierbar erscheint. Das ist die Kehrseite unseres Götzen Geldes: Positive Zinsen, die wir auf unsere Vermögen verdienen, befördern die Klimakatastrophe.

Wir sollten uns daran gewöhnen, dass in Zeiten gesättigter Märkte und sinkender Wachstumsraten der - von Herrn Kirchgässner zitierte - Zins als Preis für Konsumverzicht einem Zins als Preis für nachhaltigen Vermögenstransfer Platz machen wird. Wir haben es heute oft gar nicht mit Konsumverzicht zu tun, denn 90 % der Vermögen befinden sich in der Hand von nur 10 % der Bevölkerung - die ihr Vermögen gar nicht verkonsumieren kann, sondern es auf den Finanzmärkten anlegen muss.

Unternehmen werden für unser Geld in Zukunft keine Zinsen oberhalb der Wachstumsraten der Realwirtschaft zahlen können.

Null-Zinsen

Anders als von Stephan Schulmeister vermutet kann die Ermöglichung von Null-Zinsen eine Wirtschaft dauerhaft stabilisieren. Als Instrument zur Angleichung langfristiger Zinsniveaus an (sinkende) Wachstumsraten unserer Volkswirtschaften bieten sich negative Zinsen auf Bar- und Giralgeld an, wie sie 1932 in Form von Umlaufimpulsen in Wörgl eingeführt wurden. Dann nämlich können Zinsniveaus langfristiger Anlagen und Kredite marktmäßig gegen Null tendieren - ohne dass unsere Geldwirtschaft zusammen bricht.

Heute erfüllt der Zins neben seiner Allokationsfunktion - die er bei Einführung von Umlaufimpulsen beibehält (die Kreditmärkte bleiben bestehen, die Zinsniveaus bilden sich weiter über Märkte, können nur eben gegen Null tendieren), auch die Umlaufsicherungsfunktion. D.h. ohne einigermaßen hohe langfristige Zinsen legt niemand sein Geld langfristig bei einer Bank an - die von Keynes benannte Liquiditätsfalle. Trennt man die Umlaufsicherungsfunktion vom Zins, kann dieser marktmäßig weitsichtiges und nachhaltiges Wirtschaften unterstützen.

So lange Regierungen und Zentralbanken noch nicht zu dementsprechenden Einsichten kommen ist es weitsichtig, als Unternehmer- und BürgerInnen selbst für die notwendige Relativierung unseres Geldes zu sorgen. Regionales Geld, bei dem die Umlaufsicherungsfunktion von der Allokationsfunktion des Geldes getrennt ist, führt Geld räumlich und zeitlich wieder auf ein menschliches Maß zurück - hierzu hat sich bereits Brigitte Unger geäußert.

Regionalgeld stabilisiert zudem unsere Wirtschaft, indem es als komplementäres Geldsystem in Krisenzeiten antizyklisch die Schwächen anderer Geldsysteme ausgleicht.

Zur notwendigen Relativierung des Geldes zähle ich wie Walter Oswalt zudem die Abschaffung von Haftungsbeschränkungen für Kapitalgesellschaften, die Aktiengesellschaften als auch GmbHs künstlich von Risiken befreien.

Eine Konsequenz der Relativierung unseres Geldes wird sicher sein, dass die durch die hohe Produktivität unserer Wirtschaft geschaffenen Güter und Dienstleistungen zukünftig gerechter verteilt werden können, z.B. in Form des von Götz Werner vertretenen Grundeinkommens. Zur Zeit werden über unser Zinssystem allein in Deutschland jährlich über 400 Mrd. Euro umverteilt - davon erhalten 10 % derBevölkerung 90 %.

 

Zur Person Ralf Becker (Geb. 1966): Begleitet seit 2002 über 70 Regiogeld-Initiativen, ist Koordinator des Fachbeirats des Regiogeld-Verbandes www.regiogeld.de und wirkt an der Erstellung des Club-of-Rome-Berichts „Our Future Economy: Money and Sustainability - The Missing Link" mit. 1998 - 2001 verantwortlich für die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland", 2001 Mitarbeit im Deutschen Nachhaltigkeitsrat. Vorstandsmitglied der Artabana Deutschland Solidargemeinschaft im Gesundheitswesen.

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