Name soll auf "Todesliste" von Regimekritikern gestanden haben

15. Jänner 2009, 15:17
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Frage nach Polizeischutz: Im Fall des ermordeten Tschetschenen Umar I. werden die beiden Killer noch gesucht - Mit Video

Wien - Hätte die Polizei den Mord an Umar I. (27), dem politischen Flüchtling aus Tschetschenien, der vergangenen Montag in Wien-Floridsdorf auf offener Straße erschossen wurde, verhindern können? Auf diese Frage konzentriert sich derzeit das internationale Medieninteresse.

Wie der ORF in seiner Online-Ausgabe am Freitag berichtet, soll es laut einem "New York Times"-Artikel eine "Todesliste" von Regimekritikern des Tschetschenen-Präsidenten Ramsan Kadyrow geben. 50 Betroffene würden laut dem "New York Times"-Artikel in Österreich als politische Flüchtlinge leben, auch das Opfer stand angeblich darauf, so der ORF. Weitere Attentate seien deshalb durchaus denkbar.

Umar I. lebte wie berichtet als anerkannter Flüchtling in Österreich. Fluchtgrund war 2004 niemand Geringerer als der russland-treue Präsident Tschetscheniens Ramsan Kadyrow, der Umar I. (auch durch Folterungen) persönlich gezwungen haben soll, für seine Miliz zu "arbeiten". Nach der Flucht "revanchierte" sich I. damit, dass er vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof "auspackte". Vergangenen Montag wurde er in Wien-Floridsdorf auf offener Straße mit drei Schüssen getötet. Die beiden Täter werden noch gesucht, ihr mutmaßlicher Chauffeur, ein in St. Pölten lebender Tschetschene ist in Haft. Er weist alle Vorwürfe zurück.

I.s Flüchtlingsbetreuer hatte die Polizei zuletzt im vergangenen Herbst per E-Mail davon informiert, dass I. sich in Österreich bedroht fühle. In einem Interview, das I. selbst vor drei Monaten der New York Times gab, betonte er, dass Polizeischutz abgelehnt worden sei. "Stimmt nicht", erklärte hingegen am Montag das Wiener Landesamt für Verfassungsschutz. I. habe zwar vage Bedrohungsangaben gemacht, aber niemals um Personenschutz angesucht. Auch die Staatsanwaltschaft weiß nichts von einem konkreten Ansuchen.

Amnesty International hat dennoch ein "mulmiges Gefühl", was eine mögliche Verantwortung der Polizei betrifft. "Wenn es stimmt, dass der Staatsschutz in Kontakt mit dem Opfer war, stellt sich die Frage, warum es keinen Polizeischutz gab", meint der österreichische Amnesty-Generalsekretär Heinz Patzelt im Gespräch mit dem Standard. Denn das hohe Bedrohungsrisiko für den Überläufer und dessen Familie müsse der Exekutive klar gewesen sein. Patzelt fordert eine sorgfältige Dokumentation und Aufklärung.

Der Vater des Mordopfers, der als Flüchtling in einem anderen Land lebt, kam Donnerstag nach Wien. I.s Witwe hat drei Kinder und erwartet demnächst ihr viertes. Nach Gesprächen mit der Familie könnte Nadja Lorenz, die Rechtsanwältin der Familie, eine Klage gegen die Republik Österreich einbringen. (red/Michael Simoner, DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2009)

  • Kriminalist Haimeder, Staatsanwalt Jarosch und Staatsschützer Nevoral (von links) mit Bildern des mutmaßlichen Chauffeurs
 

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    der standard/matthias cremer

    Kriminalist Haimeder, Staatsanwalt Jarosch und Staatsschützer Nevoral (von links) mit Bildern des mutmaßlichen Chauffeurs

     

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