Euro-Notenbank zollt der Rezession Tribut

15. Jänner 2009, 16:56
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Die EZB befürchtet eine tiefere Rezession als bislang angenommen und senkt ihren Leitzinssatz von 2,5 auf 2,0 Prozent

Frankfurt/Wien - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat gestern den Leitzinssatz für die Eurozone um 50 Basispunkte gesenkt. Die Währungshüter haben den Zins einstimmig auf das niedrigste Niveau seit 2005 gesenkt. Seit Oktober 2008 hat die Zentralbank damit den Zinssatz um 2,25 Prozentpunkte gesenkt. Die jüngste Verschlechterung der Konjunkturlage, besonders schlechte Daten zur Industrie, deuten für Präsident Jean-Claude Trichet auf eine weitere Schwächung der wirtschaftlichen Aktivität hin.
Die Zinssenkung um 50 Basispunkte soll nun die Wirtschaft wieder ankurbeln, indem Kredite für Unternehmen und Haushalte billiger werden. Der jüngste Zinsschritt entsprach den Erwartungen von Ökonomen und Analysten. Ben May, Volkswirt bei Capital Economics, rechnet mit weiteren Senkungen: "Die Industrie befindet sich im freien Fall, der Abschwung gewinnt an Dynamik. Wir erwarten weiter, dass die Zinsen auf null Prozent sinken - oder zumindest ganz nah an null."

Zinssenkungspause

Doch gleichzeitig kündigte Trichet an, dass die Notenbank im Februar den Leitzins nicht mehr senken werde. Das nächste Treffen sei bereits in drei Wochen, und erst im März würden "signifikante" Entscheidungen getroffen werden, so Trichet. Trichet machte jedoch klar, dass die Schwere der Rezession sogar die hauseigenen Prognosen der EZB-Volkswirte übertroffen habe. Er rechne in der Zukunft mit einer deutlicheren Abschwächung der Konjunktur als noch vor wenigen Wochen angenommen. "Es gibt weitere klare Hinweise, dass die Eurozone einen deutlichen Abschwung durchmacht, der vor allem auf die Folgen der Finanzmarktturbulenzen zurückgeht. Die Risiken für das Wachstum deuten klar nach unten." Der Inflationsdruck habe hingegen in den letzten Wochen massiv nachgelassen (siehe Artikel unten), was laut Experten die Möglichkeit für weitere Senkungen offenlässt.
Der Euro ist nach der Zinssatzsenkung auf Talfahrt gegangen. Händler hatten offenbar eine größere Reduktion erwartet und waren von der Ankündigung, im Februar nicht an der Zinsschraube zu drehen, negativ überrascht. Der Euro gab deutlich nach und verlor mehr als ein Prozent gegen den Dollar, von 1,31 auf 1,3054.

Warnung vor Nullzinsfalle

Doch Jean-Claude Trichet und die weiteren Mitglieder des EZB-Rates zieren sich vor zu großen Schritten. Andere Zentralbanken, besonders die amerikanische Federal Reserve (Fed), haben die Zinsen bereits sehr viel stärker gesenkt, in den USA auf ein Band zwischen null und 0,25 Prozent. Doch die europäischen Notenbanker warnten erneut vor einer Liquiditäts- oder Nullzinsfalle, also jener Situation, in der die Zinspolitik überhaupt keine Auswirkungen mehr hat. Unter einen Zinssatz von null können die Notenbanken die Zinsen nicht senken. Trichet betonte zudem, dass eine Nullzinspolitik in Europa nicht angemessen oder notwendig sei.
Gleichzeitig bekräftigte die EZB ihre Entscheidung, ihren Umgang mit den Banken zu ändern. Ab nächster Woche erhalten Geldinstitute nur mehr ein Prozent auf Einlagen bei der EZB. Damit will die Notenbank verhindern, dass die Geschäftsbanken Geld in Frankfurt horten, anstatt es Unternehmen oder Haushalten als Kredit zu gewähren. Die EZB werde in den nächsten Monaten überprüfen, ob die Zinssenkungen auch effektiv weiter gegeben würden, kündigte EZB-Präsident Trichet an.(Lukas Sustala, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16.1.2009)

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