Apokalypse in Weiß: "Die Stadt der Blinden"

14. Jänner 2009, 22:58
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Julianne Moore in Fernando Meirelles' Verfilmung eines Romans von José Saramago - Dazu: die weiteren Kinostarts der Woche

Auf Filme, in denen der Sehsinn eines Protagonisten versagt, warten besondere Herausforderungen - müssen sie doch den damit einhergehenden Kontrollverlust erst recht wieder mit Bildern vermitteln. Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles (City of God) steht in Die Stadt der Blinden (Blindness) vor einem noch größeren Problem: Im Zuge einer Epidemie, die wie eine biblische Strafe über die Menschheit kommt, verlieren die Bewohner einer ganzen Metropole ihr Augenlicht.

Mit der Blindheit kommt das Chaos. Meirelles' Film, der auf einem Roman von José Saramago beruht, hält sich jedoch nicht lange mit dem katastrophischen Teil der Erzählung auf, sondern untersucht das menschliche Sozialverhalten unter besonders prekären Bedingungen. Schauplatz ist ein Camp, das zunächst wie ein Gefängnis überwacht wird, dann aber von den Insassen übernommen wird. Neue Machtstrukturen entstehen, in denen alte Regeln wie das Recht des Stärkeren gelten. Mark Ruffalo spielt einen Arzt, der gemeinsam mit seiner Frau (Julianne Moore) Gegenmaßnahmen ergreift - sie ist die einzige unter den Internierten, die noch sehen kann.

Meirelles' schleppende Regie scheitert daran, das Potenzial dieses postapokalyptischen Szenarios auszuschöpfen. Weder vermag er aus der existenziellen Not viel Spannung zu generieren, noch gelingt es, auf einer höheren Ebene eine Allegorie für die Unbelehrbarkeit des Menschen zu entwerfen. Blass bleibt dieser Film - wie die weißen Schleier, die den Blick der Figuren trüben. (kam / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.1.2009)

Falsches Leben, stille Trauer, wilde Jugend
Die weiteren Kinostarts der Woche
 
Gerade rechtzeitig mit Kate Winslets Doppelschlag bei den Golden Globes gelangt auch einer der entsprechenden Filme ins Kino: In Sam Mendes' Verfilmung von Richard Yates' Roman Zeiten des Aufruhrs verkörpert sie die ruhelose April, die sich mit ihrem Vorstadtleben nicht zufriedengeben will. Der österreichische Dramatiker Händl Klaus legt mit März sein vielbeachtetes Filmdebüt über die Nachwirkungen eines kollektiven Selbstmords vor. Die Klasse / Entre les Murs, Laurent Cantets Cannes-Siegerfilm, begleitet ein Jahr in einer multikulturellen Schule. Weiters am Start: Katharina Weingarthners Dokumentation Sneaker  Stories, die Vampir-Romanze Twilight sowie das Horror-Sequel Saw V. (kam)

  • Sehende unter lauter Blinden: Julianne Moore in Fernando Meirelles' "Die Stadt der Blinden".
    foto: filmladen

    Sehende unter lauter Blinden: Julianne Moore in Fernando Meirelles' "Die Stadt der Blinden".

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