Bildungspolitisches Teufelszeug

14. Jänner 2009, 19:48
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Warum die Neue Mittelschule das Problem der zu frühen Auslese nicht beseitigen, sondern verschärfen wird - Von Karl Heinz Gruber

Beobachtern der deutschen und österreichischen Bildungspolitik bietet sich zur Zeit ein kurioses Schauspiel: In Deutschland versucht man den Teufel durch Beelzebub auszutreiben, in Österreich Beelzebub durch den Teufel. Etwas weniger faustisch ausgedrückt: In Deutschland beabsichtigt man, die bestehende Dreigliedrigkeit der Sekundarstufe I, d. h. die Parallelität von Gymnasium, Real- und Hauptschule, durch eine Zweigliedrigkeit von Gymnasium und "Gemeinschaftsschule" zu ersetzen. In Österreich ist man hingegen dabei, die bestehende schulische Zweigliedrigkeit zur Dreigliedrigkeit auszuweiten, indem man seit dem heurigen Schuljahr neben Gymnasium und Hauptschule die Neue Mittelschule etabliert.
Der Hauptgrund für das deutsche Streben nach Zweigliedrigkeit ist das Bemühen, die sozial und begabungsmäßig "abgesahnten" Hauptschulen in der zweiten, nichtgymnasialen Schulform zum Verschwinden zu bringen. Wie müßig die Hoffnung ist, durch die Zweigliedrigkeit die Probleme der sozialen Segregation und des Entstehens höchst problematischer Lernkulturen in städtischen Restschulen loszuwerden, hätten deutsche Bildungspolitiker in Österreich studieren können. Aber, wie sagt Herzmanovsky-Orlando so treffend am Beginn seines Romans "Maskenspiel der Genien" : "Es ist eine traurige, aber unbestreitbare Tatsache, dass die Welt dem Phänomen Österreich mit tiefem Unwissen gegenübersteht" .

Ebenso traurig und unbestreitbar ist die Tatsache, dass die österreichische Bildungspolitik mit dem Schulversuch Neue Mittelschule das Problem der zu frühen Auslese nicht lösen, sondern verschärfen wird. Wie im dreigliedrigen Deutschland wird bei den Eltern eine Hierarchie der schulischen Attraktivität entstehen, an deren Spitze die Gymnasien und an deren Ende die "gewöhnlichen" Hauptschulen stehen; die Neuen Mittelschulen werden mit ihren schülerfreundlichen didaktischen Innovationen und ihren zusätzlichen Ressourcen einen respektablen zweiten Rang einnehmen. (Hinter den ungewöhnlich vielen Ansuchen Vorarlberger Hauptschulen um den Status Neue Mittelschule dürfte weniger die Begeisterung stehen, die Gesamtschule zu erproben, als das nüchterne alemannische Interesse an den mit dem Schulversuch verbundenen zusätzlichen finanziellen Mitteln.) - Nun könnte man sagen: Lassen wir die Neue Mittelschule, wie der Reformparagraf des Schulgesetzes es vorsieht, einmal in Ruhe vier Jahre lang arbeiten. Nur leider hängt auch in der Bildungspolitik wie beim Kochen und beim Dirigieren viel vom Timing ab. Denn abgesehen davon, dass es sinnvoll wäre, mehrere Jahrgangkohorten von "neuen Mittelschülern" zu evaluieren, steht schon vor Abschluss der Versuche ein ganz zentrales Problem zur Lösung an: die im Regierungsprogramm festgeschriebene Reform der Lehrerbildung.

Fragen über Fragen

Nach der Logik von Schulreformen hat die Strukturfrage Vorrang, denn für welches Schulsystem sollen die neuen Lehrer/-innen ausgebildet werden? Für ein "eingliedriges" , wenn die Versuche für die Neue Mittelschule so positiv verlaufen sollten, dass die ÖVP einer systemweiten Gesamtschulreform zustimmt; für ein dreigliedriges, weil die Neuen Mittelschulen zwar nicht von der ÖVP, aber von der Elternschaft gern angenommen werden und, ausgestattet mit der "Mächtigkeit des Seienden" , nicht mehr abgeschafft werden können; oder doch wieder eine Rückkehr zur Zweigliedrigkeit, so wie nach den Versuchen der 1970er-/80erJahre, als sich die ÖVP einen Schmarren um die guten Evaluationsresultate scherte und dem Projekt ihre Zustimmung entzog?

Wie lässt sich angesichts der unüberlegten, obsoleten Zementierung der zweigliedrigen Lehrerbildung an Pädagogischen Hochschulen und an Universitäten durch Elisabeth Gehrer die vom Regierungsprogramm geforderte "gemeinsame Einführungsphase" für alle Formen der Lehrerbildung realisieren? Übrigens und höchst aktuell: Wem obliegt die angemessene Ausbildung der Lehrerschaft der neuen Mittelschulen, die offensichtlich neue Kompetenzen und eine neue professionelle Identität brauchen? Diese wird sich nicht von selbst dadurch einstellen, dass Hauptschullehrer nach dem AHS-Lehrplan unterrichten.
Zudem sollen die Studienpläne für alle Lehrertypen mit dem Bologna-Modell (Bakkalaureat/Master) in Einklang gebracht werden. Zuerst ein "multifunktionales" pädagogisches Bakkalaureatsstudium, sodann ein fachspezifisches Master-Studium? Oder umgekehrt: Fachstudium mit anschließender Professionalisierung durch ein pädagogisches Master-Studium? Schließlich soll der Zugang zum Lehrberuf selektiv werden, wobei es eine Fülle von Ausleseoptionen abzuwägen gilt: Am Studienbeginn? Nach einer Einführungsphase? Am Studienende? Bei der Aufnahme in den Schuldienst?

Wie englische und schwedische Erfahrungen zeigen, sind für eine seriöse Expertise zu einer so komplexen Materie wie der Reform der Lehrerbildung mehrere Jahre intensiver Kommissionsarbeit erforderlich. Es wird darum gehen, aus wissenschaftlich Gesichertem, politisch Gewünschtem und praktisch Machbarem wohlüberlegte Optionen und Realisierungsszenarien zu erarbeiten. Welcher Teufel hat die Koalitionsverhandler geritten, als sie vereinbarten, dass die (noch gar nicht konstituierte) Expertenkommission ihren Bericht bereits Ende 2009 abliefern muss? (Karl Heinz Gruber/DER STANDARD-Printausgabe, 15. Jänner 2009)

Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien

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