"Kastration des Staates lässt sich nicht halten"

14. Jänner 2009, 18:45
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Club Alpbach Steiermark analysierte wirtschaftliche Fäden im Teppich der Geschichte der letzten 300 Jahre

Graz - "Kein Mensch hat eine Ahnung, wie eine Börse funktioniert", stellt der Grazer Philosoph Karl Acham resignierend fest, "das Ganze hat eine eigenartige, finstere, unheimliche, aber auch magische Aura". Acham war einer der Gäste am Podium des Club Alpbach Steiermark, wo man am Dienstagabend verschiedene Schlüsseljahre der Geschichte, die mit der Ziffer Neun enden, analysierte. Also auch das Jahr 1929 mit dem "Black Friday" an den Börsen, der eigentlich ein Donnerstag war, und das Jahr 2009, von dem alle hoffen, es werde das Jahr der Bereinigung der Krise von 2008 sein. Neben Acham diskutierten die Historikerin Barbara Stelzl-Marx, die Intendantin des Grazer Schauspielhauses, Anna Badora, sowie der Verfassungsjurist und Politologe Joseph Marko unter der Leitung von STANDARD-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid.

Dass die Masse also von der Börse, diesem mächtigen Instrument des Kapitalismus, nichts wisse, kristallisierte sich im Laufe des Abends nicht nur für Acham als wirkliches Problem heraus. Immerhin gingen einschneidenden politischen Ereignissen in der Geschichte - wie der Französischen Revolution 1789, dem Rechtsruck Europas, dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 oder der Wende und dem damit einhergehenden Ende des Kalten Krieges 1989 - wirtschaftliche Krisen beziehungsweise im letzten Falle der totale Zusammenbruch des Wirtschaftssystems der Sowjetunion voraus. Die gegenwärtige Krise zeige deutlich, dass "die ganze Rhetorik der letzten Jahre vom Minimalstaat obsolet geworden ist", so Acham. Man habe dem Staat zu wenig wirtschaftliche Kompetenzen zuerkannt, "die Kastration des Staates wird sich nicht halten lassen".

Aus Krise nichts gelernt

Badora, eine gebürtige Polin, beobachtete, wie durch die freie Marktwirtschaft "das Gesicht Polens verloren" ging, weil statt alten Geschäften "viel Ramsch" Einzug hielt; sie meinte, dass man aus der Krise von 1929 "nichts gelernt" habe: "Finanzaufsichtsleute haben völlig versagt." Dass die Wirtschaft neben demografischen Entwicklungen auch künftig den gewichtigsten Einfluss auf die Politik haben wird, sahen alle so. Dabei werde, so Stelzl-Marx, "der Kampf um Ressourcen wie Wasser, Energie und die Verteilung des Wohlstandes eine ganz zentrale Rolle spielen".

Marko brach eine Lanze für die politische Bildung der Jugend. Nicht nur über die Märkte wüssten Schüler und Studenten zu wenig, sondern über "historische Entwicklungen überhaupt". Für seinen Ausblick auf das Jahr 2039 spielte Marko den Utopisten: "Es wird ewigen Frieden und unbegrenztes Wachstum geben und keine Verteilungsungerechtigkeit." (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.1.1.2009)

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