Die nicht-medizinischen Schattenseiten des Tequilatrinkens

18. Jänner 2009, 19:39
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US-Studie: Mexiko widmet immer mehr Anbauflächen den benötigten Agaven - was ökologische und soziale Konsequenzen mit sich bringt

Guadalajara - Die weltweit steigende Nachfrage nach Tequila beschert den mexikanischen Anbauregionen eine ökologische und soziale Krise. Das ergibt eine Studie der New North Carolina State University, die den mit dem Boom verbundenen Wandel der Produktionsstrukturen problematisiert. Neben einer Auslaugung der Böden schaffen diese auch soziale Probleme. Damit sei bewiesen, dass eine Herkunftsbezeichnung eines Produkts allein nicht dessen soziale oder ökologische Nachhaltigkeit garantiere, so die Studienautorin Sarah Bowen.

Tequila wird ausschließlich aus der Blauen Weber-Agave hergestellt, die frühestens nach sechs Jahren geerntet werden kann. Das Innere der Agave wird in Öfen unter Dampf gegart, zerkleinert und gepresst, bevor der erhaltene Sirup weiterverarbeitet und destilliert wird. Weltweite Bestimmungen der Herkunftsbezeichnung sichern, dass Anbau und Verarbeitung der Agave nur im mexikanischen Bundesstaat Jalisco und in vier anderen Regionen des Landes geschehen darf. Die Markenbildung hatte Erfolg: Seit 1994 boomt die Tequilaindustrie und vervierfachte bis 2007 die Produktion auf derzeit rund 300 Mio. Liter pro Jahr.

Ausgelaugte Böden

Kaum beachtet werden bisher jedoch die negativen Folgen dieser explodierenden Nachfrage. Die Industrie lässt sich nicht mehr von unabhängigen Bauern beliefern, sondern betreibt nun in großem Stil eigene Agavenpflanzungen auf neu geschaffenen Böden. "Diese Flächen waren zuvor meist tropische Wälder oder Laubwälder, in regenreichen Gebieten", betont Studien-Mitautorin Ana Valenzuela, Ethnobiologin an der Universität Guadalajara. Die intensive Agavenanbau und der Einsatz von Herbiziden lauge den Boden aus. Das geschehe auch bei schon zuvor landwirtschaftlich genutzten Flächen, da eine Rotation der Bepflanzung, die Belassung nötiger Zwischenzonen sowie eine Bodenbedeckung fehle.

Seit dieser Produktionsumstellung kam es zu großen Unregelmäßigkeiten in der Versorgung sowie im Preis der Agaven. Bowen und Valenzuela zeigten, dass hinter diesen Entwicklungen neben der langen notwendigen Wachstumszeit auch der Befall der Agaven mit Schädlingen und Krankheiten stehen. "Denn gleichzeitig gingen auch traditionelle Praktiken der Bauern wie etwa das Zurückschneiden der Agavenpflanze zur Reduktion der Schädlingen verloren. Die Industrie versucht, sie durch Pestizide und andere Chemikalien in den Griff zu bekommen", erklärt Valenzuela. Die Industrie wie auch die mexikanischen Behörden hätten bisher kaum auf die Forschungsergebnisse reagiert, so die mexikanische Tequila-Expertin.

Kleine Produzenten haben das Nachsehen

Bowen weist auf die sozialen Konsequenzen des Wandels hin. "Damit untergräbt die Tequila-Produktion heute die soziale, auf Agavenanbau beruhende Verankerung der Region. Sie drängt dadurch unabhängige Agavenfarmer und Arbeiter ins Abseits." Normen zur Herkunftsbezeichnungen alleine würden somit kaum zum Erhalt der traditionellen Produktion von Tequila beitragen. "Das wird besonders im Amatitán-Tequila-Tal deutlich, in dem seit 400 Jahren Tequila erzeugt wird. Die sozialen und ökologischen Ressourcen sind hier bedroht", so die Studienautorin. (pte)

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    Gestapelte Agaven-Herzen: Die Nachfrage steigt.

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