Haupt-Todesursache stark vernachlässigt

14. Jänner 2009, 15:34
18 Postings

Deutliche Mängel in Vorsorge, Diagnose und Therapie in Österreich - Experten: Keine Ausreden für optimale Therapie, "zu laxe Anti-Rauch-Politik" als Vorsorge-Manko

Wien - Die koronare Herzkrankheit mit Angina pectoris, Herzinfarkt, Plötzlichem Herztod oder chronische Herzinsuffizienz gehört mit den Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt zur Todesursache Nummer Eins in Österreich. Im Jahr 2007 starben laut dem Salzburger Kardiologen Max Pichler 32.864 Menschen in Österreich an "Herzinfarkt, Schlaganfall & Co." - das sind 44 Prozent aller Todesfälle. Dennoch sieht es mit der Prävention, Diagnose und Therapie scheinbar schlecht aus.

Die österreichischen Initiative "Arznei und Vernunft" übte nun aus Anlass der Publikation ihrer neuen Handlungsleitlinie zu diesem Thema Kritik am Umgang mit Vorsorge und Behandlung der Krankheiten. Die Risikofaktoren sind seit Jahrzehnten bekannt, praktisch alle notwendigen Behandlungsmöglichkeiten sind vorhanden und werden von den Krankenkassen auch gezahlt. Man müsste sie nur zielgerecht und konsequent einsetzen, so die Grundaussage.

"Zu laxe Anti-Rauch-Politik"

Das größte Manko in der Vorsorge ist laut den Experten die ihrer Meinung nach laxe Anti-Rauch-Politik in Österreich. Jörg Pruckner, oberster Standesvertreter von Österreichs Allgemeinmedizinern: "Wir sollten dazu stehen, Rauchverbote in allen Lokalen zu haben." Der beratende Arzt des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger Klaus Klaushofer: "Ich kann nicht verstehen, dass es keine vernünftige Nichtraucher-Regelung gibt." Ein Manko in der Diagnose laut Pichler: "Frauen sind nach wie vor bei der koronaren Herzkrankheit unterdiagnostiziert und untertherapiert."

Lücken und Fehler in der Behandlung

In der Behandlung dieser häufigsten chronischen Erkrankungen spielt in Österreich ebenfalls längst nicht alles im optimalen Bereich ab, wie eine vom Hauptverband angeregte wissenschaftliche Studie an tausenden Herzinfarktpatienten zeigt. Nur 67 Prozent der Kranken lösten Kassenrezepte auf die empfohlenen ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker ein. Nur 74 Prozent der Patienten bekamen Betablocker verschrieben. Nur 67 Prozent der Kranken erhielten ein Statin zur Cholesterinsenkung, nur rund 70 Prozent benutzten Aspirin. Nur 41 Prozent der Patienten erhielten Angiotensin-Hemmer, Betablocker und ein Statin, 34 Prozent zwei dieser Arzneimittel und ein viertel eines oder gar keines. Fazit: Sogar ein Drittel der Infarktpatienten ist in Österreich schlecht nachbehandelt. Der Wiener Kardiologe Georg Gaul dazu: "Es gibt keine Ausrede dafür, den Blutdruck und die Blutfettwerte nicht gut einzustellen." Denn die Ärzte hätten alles zur Verfügung um diese Patienten optimal zu behandeln.

Insgesamt schneidet Österreich bei den von einem 50-Jährigen noch zu erwartenden gesunden Lebensjahren in einem EU-Vergleich schlecht ab. Bei den Männern sind es laut dem Kardiologen Georg Gaul nur rund 14 Jahre, bei den Frauen sieht die Sache nicht wesentlich anders aus. In Dänemark haben Männer mit 50 statistisch noch Aussicht auf 23 gesunde Lebensjahre.

Infos für Ärzte und Patienten

Die neue Leitlinie, die sich vor allem an die niedergelassenen Ärzte richtet, soll alle Aspekte der koronaren Herzkrankheit prägnant darlegen und den Medizinern Handlungspfade empfehlen. Auch in den österreichischen Apotheken wird ein Patientenfolder aufliegen. Die Initiative "Arznei und Vernuft" wird vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger, vom Verband der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) sowie Ärzte- und Apothekerkammer unterstützt und soll für ausgewogene Informationen sorgen.

Kostenfaktor

Einen möglichst optimalen Gebrauch der nichtmedikamentösen und medikamentösen Maßnahmen fordert auch die stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Beate Hartinger. Immerhin machen die Behandlungs-Arzneimittelkosten für die koronare Herzkrankheit einen bedeutenden Ausgabenposten aus: „Die Medikamente für die koronare Herzkrankheit machen etwa 20 Prozent der Heilmittelausgaben (der Krankenkassen, Anm.) aus." Insgesamt waren das im Jahr 2007 rund 464 Millionen Euro. Alles, was hier durch Vorsorge verhindert werden oder durch optimalen Einsatz bestmöglich genutzt werden könnte, würde für alle Beteiligten positiv zu Buche schlagen. (APA/red)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Herz-Kreislauferkrankungen sind de Haupttodesursache in Österreich - dennoch orten Experten massive Mängel im Umgang damit

Share if you care.