"Bin bereit für die Spitze"

14. Jänner 2009, 16:47
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Grüne Lichtenberger über ihre Chancen, EU-Spitzenkandidatin zu werden und "härtere Antworten" von Glawischnig

Beim Bundeskongress der Grünen am Wochenende in Klagenfurt wird nicht nur Eva Glawischnig offiziell zur Bundessprecherin gemacht, es wird auch die Kandidatenliste für die EU-Wahl erstellt. Um Platz eins rittern Johannes Voggenhuber, Ulrike Lunacek und Eva Lichtenberger. Letztere zeigt sich im Interview mit derStandard.at zuversichtlich, dass sie die "Kampfabstimmung" gewinnen kann, aber: "Es war selten so spannend, weil es drei unterschiedliche Profile gibt, zwischen denen man wählen kann." Die Kür Glawischnig bezeichnet Lichtenberger als "positives Signal", sie lobt ihren "unbeschwerten Umgang". Die Fragen stellte Rosa Winkler-Hermaden.

derStandard.at: Beim Bundeskongress am Wochenende wird die Entscheidung fallen, wer EU-Spitzenkandidat wird. Sind Sie schon nervös?

Lichtenberger: Natürlich bin ich etwas angespannt und es ist ein gewisser Druck da. Viele sagen, es war selten so spannend, weil es drei unterschiedliche Profile gibt, zwischen denen man wählen kann.

derStandard.at: Warum wollen Sie die Nummer eins auf der Liste sein?

Lichtenberger: Ich habe mich jetzt zirka zehn Jahre lang eher in die Rolle der Expertin begeben. Das war sehr spannend und intensiv. Davor war ich die grüne Frontfrau in Tirol und das ist sehr gut gelaufen. Ich bin jetzt wieder bereit, mich an die Spitze zu stellen.

derStandard.at: Wie hat die Zusammenarbeit mit Johannes Voggenhuber funktioniert?

Lichtenberger: Wir hatten eine recht gute Rollenteilung, da ich in völlig anderen Bereichen als er gewirkt habe - und so hat das gut funktioniert. Auch mit Ulrike Lunacek habe ich in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet - damals noch im Hauptausschuss des österreichischen Parlamentes. Natürlich gibt es manchmal unterschiedliche Ansichten, aber auch mit ihr gab es keine größeren Schwierigkeiten in der Kooperation. Ich habe zu beiden ein korrektes Verhältnis.

derStandard.at: Johannes Voggenhuber will aus der Politik ausscheiden, sollte er nicht die Nummer eins werden. Er hat auch einige Bedingungen an seine Kandidatur geknüpft.

Lichtenberger: Wie er sich selber präsentiert, ist seine Sache. Ich möchte das nicht kommentieren, schließlich bin ich Mitbewerberin. Die Delegierten werden das entsprechend beurteilen - that's it.

derStandard.at: Voggenhuber hat angekündigt, 15 Prozent machen zu wollen. Schaffen das die Grünen?

Lichtenberger: Ich spiele diesen Wettbewerb, wer die höhere Prognose macht, ist der bessere, nicht mit. Da wird das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt. Ich will einen Stockerlplatz innerhalb der europäischen Grünen erreichen. Mein Ziel ist es, zu den drei stärksten Grünparteien in Europa zu gehören. Noch liegen Dänemark und Luxemburg vor uns. Mir würde da ein kleiner Überholvorgang ganz gut gefallen.

derStandard.at: Die Grünen wollen NGO's wie Attac stärker einbinden. Wie stehen Sie dazu?

Lichtenberger: Ich betreibe den Austausch mit Attac, ich lese deren Publikationen. Ich arbeite mit vielen NGOs zusammen und höre deren Anliegen. Attac legt viel Wert auf seine Unabhängigkeit. Das soll man respektieren. Was die Finanzkrise angeht, sind die Analysen nicht sehr unterschiedlich zwischen Grünen und Attac. In den Therapievorschlägen gibt es ab und zu Unterschiede. Für mich ist Attac Partner in der Politik und ich wünsche mit von beiden Seiten einen fairen Umgang.

derStandard.at: Haben Sie realistische Chancen, die Nummer eins zu werden?

Lichtenberger: Ja - auch wenn vieles von dem, was ich im europäischen Parlament bewirken konnte, z.B. in den New Zealand Times stärker reflektiert worden ist, als in Österreich.

derStandard.at: Für welche Bereiche wollen Sie sich künftig einsetzen?

Lichtenberger: Ich möchte mich verstärkt den Onlinemedien widmen. Ich will die Entwicklungsarbeit für neue Kommunikationsformen für die Zukunft leisten. Die Grünen sollten diese Kommunikationslinie stärker besetzen. Das ist generationsmäßig sehr, sehr wichtig, wenn man weiß, wie viele Jugendliche sich vorwiegend über das Web informieren.

derStandard.at: Ist das gerade weil Sie nicht in Österreich sind, wichtig, um den Kontakt zu halten?

Lichtenberger: Auch, aber nicht nur. Es kommunizieren auch Leute in der gleichen Stadt übers Web. Das ist entfernungsunabhängig ein veritabler neuer Kanal für Kommunikation geworden. Natürlich wird er umso wichtiger, je zeitlich eingeschränkter man im face-to-face-Kontakt ist.

Ich merke, dass gerade jetzt die Verrechtlichung im Internet steigt. Das ist ein heißes Thema. Da geht es um Grund- und Freiheitsrechte und Datenschutz: Selber darüber entscheiden zu können, welche Daten ich freigeben möchte und welche nicht.

Wir sollten deshalb auch in der Schule einen Schwerpunkt setzen, um den Kindern beizubringen wie man Quellen, aus denen man Informationen bezieht, beurteilen kann. Die Jungen kommunizieren zunehmend auf dieser Schiene. Ich tu es auch, mir macht es Spaß, aber das müssen wir zeigen, dass wir uns dieser Herausforderung stellen.

derStandard.at: Beim Bundeskongress wird auch Eva Glawischnig nun offiziell die Nummer eins. Was wird sich ändern?

Lichtenberger: Ich kenne und schätze Eva Glawischnig als Kollegin schon lange. Sie ist eine exzellente Kennerin der Materie und sie pflegt einen unbeschwerten Umgang. Das hat mir immer sehr gut gefallen. Außerdem ist es ein positives Signal, dass eine junge Frau so eine Position in unserer Partei einnimmt. Sie wird als weniger bedächtig wahrgenommen. Durch die große Koalition hat im politischen System insgesamt ein Versteinerungsprozess eingesetzt. Und darauf braucht es auch härtere Antworten.

derStandard.at: Sie geht eher auf Konfrontationskurs als ihr Vorgänger Van der Bellen?

Lichtenberger: Sie besitzt sicherlich auch die Fähigkeit, hart zu verhandeln. Wir dürfen allerdings nicht den Fehler machen und sagen, die wird es schon machen, jetzt lassen wir sie einmal rudern. Die Verantwortung ruht auf unser aller Schultern.

derStandard.at: Könnten Sie sich vorstellen wieder zurück nach Österreich in die Politik zu kommen?

Lichtenberger: Ich habe mich entschieden auf der Ebene des europäischen Parlaments zu arbeiten. Das heißt nicht, dass ich nicht in Österreich präsent sein kann. Ich mische dort mit, wo es gefragt ist. Und ich bin ja auch oft da - nicht nur übers Internet. (derStandard.at, 14.1.2009)

Zur Person: Eva Lichtenberger (55) ist seit 2004 Mitglied des Europäischen Parlaments. Davor war sie Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat.

  • "Ich bin jetzt wieder bereit, mich an die Spitze zu stellen." Eva Lichtenberger will Grüne Spitzenkandidatin bei der EU-Wahl im Juni werden.
    foto: privat

    "Ich bin jetzt wieder bereit, mich an die Spitze zu stellen." Eva Lichtenberger will Grüne Spitzenkandidatin bei der EU-Wahl im Juni werden.

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    2004 kämpfte sie noch an der Seite von Johannes Voggenhuber um Stimmen, jetzt sind sie Konkurrenten um Platz eins auf der EU-Liste.

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