Gaza-Krise will auch im Web nicht enden

14. Jänner 2009, 13:41
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Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern setzt sich im Web in einer Propaganda-Schlacht und Hacker-Wettrüsten fort

Wie bereits bei vergangenen Konflikten wie den Tibet-Protesten oder der Georgien-Krise zu sehen war, werden politische Auseinandersetzungen zunehmend im Internet ausgetragen. "Hacktivism" wird das Hacken mit politischem Hintergrund genannt. Bei der Krise im Gaza-Streifen wird hier keine Ausnahme gemacht.

Attacken auf offizielle Seiten

Seit mehreren Tagen wird von verstärkten Hacker-Attacken auf offizielle Websites wie die der Nato berichtet, das israelische Militär hat im Gegenzug eine Warnbotschaft in einen TV-Sender der Hamas eingespeist (der WebStandard berichtete). Aber auch vor sozialen Netzwerken macht die Krise nicht Halt, Facebook Groups wurden gelöscht. Security-Experten warnen Nutzer vor Phishing-Mails und fordern Unternehmen auf, die Sicherheit ihrer Server zu überprüfen.

Website-Defacement

Eine Methode, Propaganda über das Web zu verbreiten, ist das Website-Defacement. Dabei wird eine Seite manipuliert und statt der üblichen Inhalte eine Botschaft der Hacker angezeigt. So hatte die iranische Hacker-Gruppe Ashiyane über den Interauftritt des israelischen Geheimdienstes Mossad Protestkundgebungen verbreitet.

Flaggen verunstaltet

Eine andere Hacker-Organisation, die Agd_Scorp/Peace Crew, hatte unter anderem auf Websites der Parlamentarischen Versammlung der NATO (NATO PV) und des US-Militärs ein Foto von einem Burschen veröffentlicht, der Steine auf israelische Panzer wirft. Auch wurden Motive durchgestrichener israelische, US-amerikanische und britische Flaggen sowie weitere Drohungen veröffentlicht, wie die BBC berichtet. Die Hacker hätten das Aussehen der Webseiten verändert, seien aber nicht in die internen Server der NATO PV eingedrungen.

Zudem wurden die Domain-Namen der israelischen News-Seite ynetnews.com und der Israel Discount Bank gekapert und Internet-User auf eine Website mit Anti-Israel-Propaganda umgeleitet.

Trojaner

Neben den Website-Defacements bedienen sich die Hacker auch anderer Methoden. So wurden Nutzer auf der Seite help-israel-win.com aufgefordert, eine Datei zu installieren. Dabei handelt es sich natürlich um einen Trojaner, über den die Hacker die Kontrolle über den infizierten Rechner erlangen können.

Angriffe nehmen zu

Die Angriffe sind natürlich keine neue Entwicklung und begleiten den politischen Konflikt im Gaza-Streifen schon seit langem. Die Anzahl der Attacken habe in den vergangenen Monaten aber massiv zugenommen, sagt der CEO der Domain-Registrierungsstelle Domain The Net, Yoav Keren, gegenüber der BBC. Im letzten Jahr wurden auch drei israelisch-arabische und pro-palästinensische Websites gehackt und die israelische Flagge gegen das Symbol der verbotenen extremistischen, jüdischen Organisation Kach ersetzt.

Propaganda in Facebook

Als jüngstes Web-Phänomen werden aber auch Social Networks von der Propaganda-Schlacht nicht ausgenommen. Auf Facebook wurden in kürzester Zeit zahlreiche Groups zu dem Thema gegründet. Der Konflikt eskalierte, als mehrere dieser Groups von Hackern übernommen und das Logo der Jewish Internet Defence Force (JIDF) verbreitet worden war. Die vorhandenen Inhalte wurden gelöscht und stattdessen Kritik an der palästinensischen Organisation Hamas und Pro-Israel-Propaganda veröffentlicht.

Facebook bleibt unparteiisch

Mehrere Facebook-User berichteten gegenüber der BBC, dass ihre Accounts einfach "gekidnappt" und gelöscht worden seien. Hacker sollen die Login-Informationen demnach über Phishing-Mails erlangt haben. Nach Eigendarstellung handle es sich bei der JIDF um eine Gruppierung, die gegen Antisemitismus in Online-Foren eintrete, aber keine illegalen Handlungen durchführe. Wie ein Speicher der Gruppe mitteilte, seien in einer Group antisemitische Zeichnungen verbreitet worden. In einer Stellungnahme teilte Facebook mit, dass gehackte Accounts wiederhergestellt würden, man sich aber in Diskussionen nicht einmischen wolle.

Posting-Hetze

Auch in hiesigen Online-Foren hat sich der Diskussionston in den vergangenen Tagen verschärft. Neben zahlreichen sachlichen Beiträgen, werden auch immer wieder Hass-Tiraden gegen die eine oder andere Gruppe gepostet. Dabei können rassistische Postings ein heikles Nachspiel haben, wie fünf Leser von Vorarlberg Online zu spüren bekommen haben. Ihnen wurden wegen Verhetzung in Internet-Foren Geldbußen von 200 bis 400 Euro auferlegt (der WebStandard berichtete).

Hacktivism seit ca. zehn Jahren

Experten sind sich jedenfalls einig, dass das Web sowohl die Berichterstattung aus Krisenregionen als auch die Art der Proteste verändert hat. Das Hacktivism-Phänomen kenne man seit etwa zehn Jahren, so Cybercrome-Experte Peter Spammer von der London School of Economics. Es sei einfacher und effektiver, Propaganda auf einer Website zu verbreiten, als beispielsweise vor einer Botschaft zu protestieren. Der Einfluss von Technologie auf Kriegsführung und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist auch Thema des neu erschienen Buches "The Scientific Way of Warfare: Order and Chaos on the Battlefields of Modernity" von Antoine Bousquet.

Angst wird geschürt

Website-Defacements würden vor allem Angst unter den Internet-Usern schüren, seien im Vergleich zu größeren Hacks aber relativ harmlos. Gefährlicher sei es da schon, wenn die Hacker keine derart sichtbare Nachricht hinterlassen, meint Dwight Griswold von der NATO PV zur BBC. (br)

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    Künstler Banksy hat seiner Kritik am israelischen-palästinensischen Konflikt mit Graffits in der Krisenregion Ausdruck verliehen, im Internet kapern indes Hacker Websites zur Verbreitung ihrer Propaganda

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