Wirtschaft und Zinsen auf Talfahrt

14. Jänner 2009, 18:21
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Die OECD-Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung im Euro-Raum trübt sich immer mehr ein

Die OECD-Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung im Euro-Raum trübt sich immer mehr ein. Daher fordern die Experten eine weitere Leitzinssenkung. Deutschland droht bereits eine tiefe Rezession.

Wien – Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeichnet in ihrem am Mittwoch vorgelegten Jahresbericht ein düsteres Bild für Europas Wirtschaft. Die Risiken seien enorm, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Im November hatte die Organisation bereits ein Schrumpfen der Eurozone um 0,6 Prozent für 2009 prognostiziert. "Heute wären die Zahlen weit schwächer", sagte Gurría.

Erholen werde sich die Wirtschaft im Euroraum frühestens Mitte 2010. Zwar habe durch Bankengarantien ein Kollaps des Finanzsystems verhindert werden können. Aber die Möglichkeiten, die Wirtschaft etwa durch Steuererleichterungen anzukurbeln, seien zunehmend begrenzt. Die OECD warnt davor, die Haushaltsdisziplin wegen der Krise aufzugeben.

Einziger Lichtblick für die Wirtschaftsexperten sei das Sinken der Inflationsrate von vier auf 1,6 Prozent. Ein weiteres Absinken der Inflation sei wahrscheinlich, was eben auch weitere Leitzinssenkungen ermögliche. "Es gibt Spielraum für eine erneute Lockerung der Geldpolitik", sagte Gurría und rät der Europäischen Zentralbank zu einer schnellen Zinssenkung.

Die Währungshüter der EZB entscheiden heute, Donnerstag, über den Leitzins im Euroraum. Auch viele Analysten gehen davon aus, dass das Zinsniveau von 2,5 auf 2,0 Prozent zurückgenommen wird.

Rezession greift um sich

In Deutschland nimmt die Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung rasant zu. Dem Land droht nach Ansicht von Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter trotz des Konjunkturpakets II eine tiefgreifende Rezession. "Für ein Schrumpfen der Wirtschaft um vier Prozent in diesem Jahr sehe ich eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent", sagte Walter. Im besten Falle sei beim Bruttoinlandsprodukt 2009 mit einem Minus von zwei Prozent zu rechnen. Die exportorientierte Wirtschaft leide besonders unter der Schwäche der ausländischen Handelspartner, warnte Walter.

Das von der Bundesregierung beschlossene zweite Konjunkturpaket könne einen kräftigen Abschwung nicht mehr verhindern, da es zu spät wirke und nicht das rechte Rezept gegen die Krise sei.

Das Wachstum der deutschen Wirtschaft hat sich 2008 bereits fast halbiert. Das BIP stieg nur noch um 1,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Allein Ende 2008 schrumpfte die Wirtschaft um 1,5 bis 2,0 Prozent, schätzen die Statistiker. Damit startet 2009 mit einem großen konjunkturellen Bremsklotz: Selbst bei einer Stagnation im gesamten Jahresverlauf würde die Wirtschaft um rund 1,5 Prozent schrumpfen.

Die düsteren Zahlen der Statistiker bringen die bislang recht optimistische Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ins Wanken. Die Berliner Forscher hatten zuletzt ein Minus von 1,1 Prozent beim BIP für 2009 vorhergesagt. Die deutsche Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro erwartet im heurigen Jahr einen Konjunktureinbruch von zwei bis drei Prozent. "Wir müssen mit tiefroten Zahlen rechnen", sagte das Mitglied des Sachverständigenrates am Mittwoch. Die Ausgangslage habe sich angesichts des starken Abschwungs am Jahresende 2008 spürbar verschlechtert. Ab der zweiten Jahreshälfte rechnet Weder di Mauro mit einer Trendwende. Dazu könnte der private Konsum beitragen. Positive Impulse seien auch von der Bauwirtschaft zu erwarten. Der Export werde die Wirtschaft hingegen bis 2010 bremsen.

Stimmung drückt Euro

Die schlechten Nachrichten zur Wirtschaftslage belasten auch den Euro. Am Mittwochnachmittag notierte die Gemeinschaftswährung bei 1,3126 Dollar – noch Mittwoch früh hatte sie die Marke von 1,33 Dollar überschritten.

Auch in den USA spitzt sich die Lage zu. Die Einzelhandelsumsätze sind im Dezember mit einem Rückgang von 2,7 Prozent stärker gefallen als erwartet. Volkswirte hatten einen Rückgang um 1,2 Prozent prognostiziert. Im November waren die Umsätze um 2,1 Prozent geschrumpft. (Reuters, bpf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.1.1.2009)

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    Der Druck auf EZB-Präsident Jean-Claude Trichet wächst. Experten erwarten, dass die EZB den Euro-Leitzins weiter senkt.

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