Architekten des Teufels?

14. Jänner 2009, 08:47
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Ergänzende Anmerkungen von Liliane Lefaivre zu einem Beitrag von Ute Woltron ("Die schönen Blumen der Macht") und zur Frage, ob Architekten für fragwürdige politische Systeme bauen dürfen

Die Regierung von China ist diktatorisch, folglich hätte Jacques Herzog und Pierre de Meuron nicht das "Vogelnest"-Olympia-Stadion und Rem Koolhaas nicht das CCTV-Zentrum in Peking bauen dürfen. Zumal sie bei diesen Projekten auch wichtiges Know-how "transferiert" und solcherart die europäische Überlegenheit auf dem Gebiet der Architektur unterminiert hätten.

Diese voreingenommene Sichtweise wurde in den letzten Jahren immer wieder in der internationalen Presse kolportiert, zuletzt in einem Artikel von Ute Woltron vom 9.1., diesmal allerdings in einem ironischen "Sündenregister", bei dem vor lauter Ironie allerdings die Argumentation ein wenig zu kurz kommt. Tatsache ist, dass die an Herzog und Co adressierte "Kollaborations"-Kritik nirgendwo hinführt. Denn folgt man dieser Logik, dürfte konsequenterweise auch kein Thom Mayne, Steve Holl oder Arata Isozaki sich an Bauwettbewerben in China beteiligen, oder Cesar Pelli müsste vielleicht verkünden, dass er für den Fall, dass die Petronias Company noch einen Turm von ihm bauen lassen will, nicht mehr zur Verfügung steht. Das Gleiche gilt natürlich auch für Frank Gehry und Norman Foster. Und, um vor der eigenen Haustür zu kehren: Sollten nicht auch unsere Zaha Hadid, Wolf Prix, Greg Lynn und Hans Hollein auf der Stelle sämtliche Projekte in China fallen lassen, die sie eingereicht oder teilweise vielleicht schon im Begriff sind, umzusetzen?

Und warum sollten wir es dabei belassen? Sind nur Architekten die Schuldigen? Müssten nicht auch andere zum Handkuss kommen? Fordern wir doch, wenn wir schon dabei sind, Gucci, Armani und Vuiton auf, ihre Läden in China zuzusperren. Zara ebenso. Stoppen wir die Produktion von Autos, Zahnpasta, Joghurt und Laufschuhen in China. Bestehen wir darauf, dass Siemens, Bank Austria, Carrefour, Renault, Mercedes, Volkswagen, Danone etc. sich aus China zurückziehen.

Reality-Check: China ist keine Diktatur

Aufwachen, bitte - höchste Zeit für einen Reality-Check. Realität Nr. 1: China ist keine Diktatur - worauf der renommierte Globalisierungsanalytiker Thomas Friedman schon seit mindestens einem Jahrzehnt hinweist. Wer China besucht, wird mit einem Zeitsprung konfrontiert, den einige Journalisten aber offenkundig immer noch nicht nachvollzogen haben, wenn sie meinen, dass sich seit der Totenwache auf dem Tiananmen-Platz 1989 nichts verändert hat. Aber wenn man durch die belebten Einkaufsstraßen von Schanghai, Shenzen und Peking - aber auch von Städten in abgelegeneren Provinzen - flaniert oder einige Zeit an einer chinesischen Universität verbringt, dann versteht man, was Friedman meint, wenn er von einem "New Deal" spricht, der die chinesische KP und das chinesische Volk in den vergangenen 20 Jahren zusammengeschweißt hat.

Es gibt vieles zu kritisieren in China. Unter anderem, dass es verabsäumt hat, sich an einem europäisch-keynesschen Modell der Sozialdemokratie auszurichten. Das gegenwärtige neoliberale China bietet seinen Bürgern sogar weniger soziale Sicherheit, Gesundheitsversorgung und Arbeitslosenunterstützung als die USA. Aber, wie Friedman wieder und wieder betont: Die Menschen können arbeiten und leben, wie und wo sie wollen. Ihre Universitäten übertreffen in ihren Leistungen regelmäßig jene der europäische Unis, Studenten erhalten großzügige Auslandsstipendien, holen sich aus dem Internet, was sie wollen, und gründen Unternehmen, wann und wo sie wollen.

Keiner weiß, wohin die politische Entwicklung letztendlich führen wird. Aber wenn man sich danach orientiert, was der explizit kritische Beitrag des Künstlers Zhang Yimous bei der Eröffnung der Olympiade zum Ausdruck brachte, dürfte die Richtung stimmen: neunzehn Fußstapfen in Feuerwerksform - einer für jedes Jahr, das seit dem gewaltsam niedergeschlagen Aufstand vergangen ist - führen am Himmel vom Tiananmen-Platz weg hin zur Eröffnungszeremonie im Stadion. Diese Symbolik ist niemandem in China entgangen.

"Know how-Transfer"

Das bringt uns zu Punkt zwei im Realitäts-Check, betreffend den mancherseits so beklagten "Know how-Transfer" von Koolhaas, Herzog und de Meuron zu den diebischen Chinesen: Europäische Architekten haben keinen Monopolanspruch auf Know-how. Laut Herzog und de Meuron können Europäer auf dem Gebiet des Bauwesens durchaus einiges von den Chinesen lernen. Know-how-Transfer ist keine Einbahnstraße, entscheidend ist, dass man die Dinge voranbringt.

Globalisierung

Punkt drei betrifft die Realität der Globalisierung. Niall Ferguson hat, um die längst existierende Geschäftspartnerschaft hinzuweisen, die China und Amerika aneinander bindet und zweifelsohne den größten Wirtschaftsmotor in der heutigen Welt ausmacht, den Begriff "Chamerika" geprägt. Nennen wir die europäische Entsprechung dazu "Cheuropa" - eine nicht minder beeindruckende Wirtschaftsmaschine. Die europäische Industrie war in den letzten 20 Jahren ein bedeutender Faktor für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Chinesen - und vice versa. Es ist höchstwahrscheinlich, dass die niederländische und Schweizer Wirtschaft von den eingangs angesprochenen Bauprojekten profitieren wird. Man stelle sich zugleich vor, was es für Österreichs Architektur und Wirtschaftsinteressen bedeuten würde, wenn das mehr Leute, so wie Ute Woltron in vielleicht etwas übertriebener Ironie, als "Zirkus" abqualifizieren würden. Hier gehts nicht um Spiele, sondern um Brot.

Die Frage ist, wie die aktuelle globale Krise des Wirtschaftssystems die europäisch-chinesischen Beziehungen nun beeinflussen wird. China entwickelt gerade ein riesiges Infrastruktur-Projekt, im Zuge dessen fast eine Billion Dollar in Konjukturförderungsmaßnahme investiert wurde, ausgerichtet auf die nachhaltige Schaffung von Brücken, Autobahnen, Nahverkehr, neuen Energiesystemen sowie von Industrie- und Wohnbauten. Das sind Bereiche, in denen europäische Architekten und Ingenieure international führend sind, hier liegt die Exportstärke Europas.

Win-Win-Konstellation

Herzog und de Meurons Olympia-Stadion ist kein Persilschein für eine kommunistische Diktatur. Keiner von beiden hat sich durch sein Engagement in dieses Projekt etwas vergeben. Im Gegenteil: Der Bau ist ein geglücktes Symbol für die sich dynamisch entwickelnde und beiden Seiten zum Vorteil gereichende Fusion von europäischem und chinesischen Know-how. Hoffen wir, dass diese Win-Win-Konstellation anhält. Wenn nicht, dann haben wir einen Zirkus. (Liliane Lefaivre/DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2009)

Zur Person
Liane Lefaivre, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Architekturhistorikerin, -kritikerin und Kuratorin, ist Ordinaria für Architekturgeschichte und -theorie an der Universität für angewandte Kunst, Wien und hält regelmäßig Vorlesungen an der Tongji Universität, Schanghai, und an der Tsinghua Universität, Peking.

Zum Thema
Die schönen Blumen der Macht", DER STANDARD, 9. 1.

  • Das Olympia-Stadion in Peking von Jacques Herzog und Pierre de Meuron

    Das Olympia-Stadion in Peking von Jacques Herzog und Pierre de Meuron

  • Bild nicht mehr verfügbar

    ... und das Hauptgebäude des chinesischen Staatsfernsehens CCTV von Rem Koolhaas: Kollaborateure am Werk?

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