Der Sturm und der Geist in der Flasche

13. Jänner 2009, 21:13
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Dass Klima, Klimawandel und die dazugehörigen Phänomene ein Forschungsfokus in der Weinwirtschaft werden, ist nur zu logisch: Immerhin hängt ein ganzer Zweig der Landwirtschaft in vielerlei Hinsicht davon ab

Daten, die Klimaentwicklungen belegen, gibt es wohl viele. Das Bewusstsein für die Problematik Klimawandel und Wein hierzulande, wurde erst in letzter Zeit geschärft, was in der Folge auch die notwendigen Geldflüsse sichert.

Neben langjährigen Wetter- und Klimadatenaufzeichnungen offizieller Institutionen kommt Datenmaterial auch von den Praktikern selbst. Einige Betriebe führen Wetter- und Vegetationsaufzeichnungen, manchmal seit mehreren Generationen: Aussagekräftig für Winzer sind Details über Blütebeginn, -verlauf und -ende, aus denen auf das Vegetationsjahr geschlossen werden kann. Dazu kommen Informationen, ob Rebstöcke sich an ihrem Standort besonders wohlfühlen, regelmäßig Trauben höchster Güte produzieren oder auch plötzlich damit aufhören. Bekanntes Beispiel ist das Heft von Franz Pichler, des Vaters von F.X. Pichler, eines der führenden Wachauer Produzenten, der viele Jahrgänge hindurch über jeden einzelnen Rebstock in seinen Weingärten Buch führte. Die besten Reben werden bis heute vermehrt.

Technologische Versuchsreihen werden an der Versuchsstation für Obst- und Weinbau im steirischen Haidegg durchgeführt. Die Forschungsstätte gehört zur steirischen Landesregierung und befasst sich mit Boden- und Pflanzenanalytik. In Abstimmung mit der steirischen Weinwirtschaft laufen Projekte zu Unterlagsreben an trockenen Standorten. Das sind Wurzelstöcke, denen die Rebe aufgepfropft wird, um sie einerseits gegen den "prominentesten" Schädling weltweit, die Reblaus, resistent zu machen. Andererseits können über Unterlagsreben bis zu einem gewissen Grad auch Bodeneigenschaften ausgeglichen werden: Zum Beispiel lässt sich die Widerstandsfähigkeit auf trockenen Standorten verbessern.

Den Co2-Ausstoß im Weinbau thematisiert die Winzergruppe "Sustainable Winegrowing" aus dem Weinbaugebiet Traisental: Der Co2-Ausstoß jedes einzelnen Prozesses in der Weinwerdung, vom Liter Pflanzenschutzmittel, der verbraucht wird, bis zum Verkompostieren der Pressrückstände, wird quantifiziert und auf Sparpotenziale untersucht. Die Winzer liefern den Praxisteil. Wissenschaftliche Partner bei dem bis 2013 angesetzten Projekt sind Boku Wien und HBLA Klosterneuburg, beides österreichische Forschungs- und Ausbildungsstätten, der Österreichische Weinbauverband, das Institut Umweltressourcen des Forschungszentrums Seibersdorf und der Österreichzweig des internationalen Umweltforschungsinstituts SERI (Sustainable European Research Institute).

Wein ist auch Wirtschaft

Eine Dissertation zu den Zusammenhängen zwischen Klimaentwicklung und Weinbau entstand am Institut für angewandte Regional- und Wirtschaftsgeographie der WU Wien. Alexander Wimmer behandelte das Problem am Beispiel der Wachau. Neu an der Arbeit ist, dass Wimmer die wirtschaftlichen Auswirkungen untersucht und vor allem wie die Winzer den veränderten Klimabedingungen begegnen. Mithilfe von Klimadaten der Wetterstation in Krems von 1971 bis 2007 wies er Änderungen in den Wärmesumme nach, einer Messgröße in der Agrarklimatologie. Dadurch wurde eine Klimaänderung belegt, die "in der Weinbaubranche einfach als Faktum akzeptiert wird".

Als Reaktion darauf würde man normalerweise in andere Lagen ausweichen oder eine andere Rebsorte wählen, die von ihren Grundeigenschaften für warme Regionen besser gerüstet ist. Daran hängt jedoch mehr. "Die Wachau ist eben nicht für Cabernet Sauvignon bekannt", so Wimmer. Identität, der internationale Ruf (Tourismus) und in der Folge das Preisgefüge für die Weine dieser Gegend hängen an Grünem Veltliner und an der Rebsorte Riesling, deren Qualität wieder in direktem Zusammenhang mit kühlem Klima und langen Vegetationsperioden steht. (Luzia Schrampf/STANDARD,Printausgabe, 14.1.2009)

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