Nachrichten vom Krieg

13. Jänner 2009, 20:18
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Ist am Ende schon die Hoffnung naiv, Israel und seine Armee weiterhin unterscheiden zu können von dem, was wir hassen? - Der Gaza-Konflikt aus Sicht eines neutralen, aber nicht teilnahmslosen Beobachters

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Nachrichten vom Krieg sind immer ekelhaft, und nichts legt uns die Flucht in den Zynismus näher, als Bilder von zerschossenen Leibern, von weinenden Müttern und zerbombten Städten. Trotzdem haben wir uns daran gewöhnt, andernfalls gingen entweder der Zeitungskonsum oder der von Morgenkaffee gegen null. - Warum fällt es vielen dann so schwer, zu ertragen, dass auch in Israels Kriegen so viele Unschuldige, Zivilisten, Frauen und Kinder umkommen? Die Antwort liegt weniger in der Geschichte (die wohl nur unter Anführungszeichen "gemeinsam" genannt werden kann) sondern in einem Schlüsselwort des Jahres 2008: Hoffnung.

Allein die Existenz Israels war von Beginn an Anlass für Hoffnungen, und so viele davon wurden auch tatsächlich erfüllt. Kaum ein Reisender, der aus diesem kleinen Land zurückkehrt, kann sich seiner Faszination entziehen. Dass es existiert, ist ein Wunder an sich, und wie es existiert, ein zweites. Blühende Wüsten im buchstäblichen und im übertragenen Sinn. Eine Demokratie, die in einer Zeit des permanenten Kriegszustandes entstanden ist und bis heute lebendig ist. Ein Staat, in dem mitten in einem aktuellen Krieg Tausende gegen die eigene Regierung und für den Frieden demonstrieren können, ohne verhaftet oder halb tot geprügelt zu werden. Ein Rechtsstaat, der die Absetzung von korrupten Regierungschefs abwickelt wie eine Selbstverständlichkeit. Presse- und Meinungsfreiheit, Minderheitenrechte, blühende Kultur jedweden Zuschnitts, Gleichberechtigung für Frauen beileibe nicht nur auf dem Papier - all das und noch viel mehr scheint außerhalb der Grenzen Israels in dieser Weltregion noch auf Jahrzehnte fast undenkbar. Bei allen Abschlägen, die - je nach Standpunkt und Herkunft wohl mehr oder weniger - zu machen sind, bleibt Israel: ein Gegenmodell, ein Land, das wir mögen, ja lieben können - ein Stück Hoffnung nicht nur für Juden und Israelis.

Und dann das: Granaten auf Schulen, Bomben auf Moscheen, tödliche Schüsse auf Hilfskonvois. Ist das überhaupt noch "einfach Krieg"? Oder doch schon Terror? Die gewaltsame Verbreitung von Angst und Schrecken unter der Bevölkerung als Kommunikationsstrategie zur Durchsetzung eines politischen Wandels - so lautet (wenn auch verkürzt) eine Definition von Terror. Dass Hamas und Hisbollah - jedenfalls ihre jeweiligen "militärischen Arme" - Terror in diesem Sinn ausüben, ist Allgemeingut. Dass Israels Kriege in den letzten Jahren alledem so ähnlich geworden sind, ist relativ neu.

Da wäre zum einen das jeweilige Ziel: Im Libanon wie auch im Gazastreifen soll(te) erklärtermaßen nicht die militärische oder geografische, sondern die politische Ordnung verändert werden. Kein Land sollte gewonnen oder verteidigt werden, sondern eine Organisation geschwächt. Und ähnlich wie Terrorgruppen auf allen Kontinenten geht es Israel dabei um eine Strategie der Kommunikation: Jede Granate, jede Bombe ist eine Botschaft. Adressaten sind Zivilisten, die letztendlich dazu bewegt werden sollen, die Hamas zu isolieren oder jedenfalls nicht mehr zu unterstützen. Neben dem Ziel ist also auch die Strategie - wie im klassischen Terrorismus - politisch und nicht militärisch ausgelegt (der Gedanke, genügend Hamas-Aktivisten im dichtest besiedelten Gebiet der Welt allein mit militärischen Mitteln ausschalten zu wollen, wäre auch wahnwitzig - in der momentanen Situation müsste Israels Armee dafür schlicht Völkermord begehen, was sie sicher nicht will und wird).

Dabei stehen aufseiten Israels zwar kaum Fanatiker, sondern bestens ausgebildete Soldaten an hochmodernen Präzisionswaffen. Das scheint aber wenig daran zu ändern, dass auch die Ergebnisse ihrer Handlungen jenen von Terroranschlägen zum Verwechseln ähnlich sind: Zivilisten werden zu hunderten getötet und zu tausenden verletzt, eine ganze Bevölkerung lebt in Angst und Schrecken. Dass diese Armee vielleicht versucht, "Kollateralschäden" zu verhindern, selbst das hätte sie mit vielen Terrorgruppen gemein: ein Terroranschlag bleibt ein Terroranschlag, auch wenn er noch so "präzise" ausgeführt wird, selbst wenn rechtzeitig vor ihm gewarnt wurde und "nur" Sachschaden entsteht. Das gilt um so mehr, wenn alle Warnungen nichts nützen, weil sich, wie im Gazastreifen, die Gewarnten nirgends in Sicherheit bringen können.

Bei allen - riesengroßen - Unterschieden zwischen Israels Führung und jener von Hamas und Hisbollah: die Ähnlichkeiten nicht nur der Ergebnisse, sondern auch der Ziele und schließlich auch der grundsätzlichen Strategie sind frappant.

Das Verschwimmen jeder Grenze zwischen "gerechtfertigtem Krieg" und klassischem Terrorismus in einem Meer aus Blut erzeugt nicht nur Trauer, Wut oder Zynismus. Es verstört. Gerade weil wir dieses Land aus vielen guten Gründen mögen, ja lieben. Ist am Ende schon die Hoffnung naiv, diesen Staat und seine Armee weiterhin unterscheiden zu können von dem, was wir hassen?(DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2009)

 

 

Georg Bürstmayr ist Rechtsanwalt in Wien und als Spezialist für den Bereich Asyl- und Fremdenrecht mit den Narrativen beider Konfliktparteien auf besondere Weise vertraut.

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