"Stars sind zum Kommunizieren verurteilt"

13. Jänner 2009, 19:58
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Walter Thirring ist Musiker und Komponist, Erzähler, vor allem aber höchstrangiger Physiker. In seinem neuen, autobiografischen Buch kommen alle diese Facetten zur Geltung

"Lust am Forschen - Lebensweg und Begegnungen" (Seifert, Wien 2008) beginnt poetisch und leichthin erzählt. In seinem neuen Buch zieht Walter Thirring, der international renommierte mathematische Physiker, eine Bilanz seines Lebens, wobei er "Liebesgeschichten, Krankengeschichten und Ehrungen" weglassen und den Leser andererseits nicht mit wissenschaftlichen Darstellungen überfordern wollte. Die Anerkennungen, die dem seit 60 Jahren produktiven Naturwissenschafter zuteilwurden, konnten allerdings nicht ganz ausgespart bleiben. Und auch die schwierigeren wissenschaftlichen Überlegungen haben ihren Platz - in grau unterlegten Kästen, wenn auch nicht alle Theorie grau ist. Eine beigelegte CD schließlich - "Hausmusik anlässlich der Feier zu seinem 80. Geburtstag" im Frühjahr 2007 - belegt Thirrings kompositorisches Können.

STANDARD: Wie ist die Idee zu diesem überwiegend nichtwissenschaftlichen Buch gereift?

Thirring: Das hat vor zehn Jahren begonnen. Damals wurde meiner Generation der Vorwurf gemacht, wir hätten die Nazizeit verschwiegen. Das stimmte vielfach nicht - ich habe genau erzählt, was vor 1945 passiert war. Es wurde auch publiziert, hat aber niemanden interessiert. Dann dachte ich mir, vielleicht sollte ich meine Geschichte, und zwar nicht nur bis 1945, doch noch einmal professioneller veröffentlichen.

Ausschlaggebend war die Autobiografie von Günter Grass, "Beim Häuten der Zwiebel". Ich fand die Diskussion über sein Bekenntnis, dass er bei der Waffen-SS gewesen war, nicht richtig geführt. Dass man damals in diese Einheiten hineingeraten konnte, war nichts Außergewöhnliches. Die Frage war eher, wie man dem entgehen konnte.

Darüber habe ich dann auch geschrieben. 1944 war ich beim Militär und meldete mich für eine technologische Ausbildung. Dort erfuhr ich dann allerdings, dass wir danach der Waffen-SS angegliedert werden sollten. Und nur weil ich dank meiner Mathematikkenntnisse wusste, wie ich bei der Aufnahmeprüfung durchfallen konnte, ohne dass es wie Sabotage aussah, wurde ich dann tatsächlich wieder zurückgeschickt.

STANDARD: Im Buch lassen Sie die mathematischen Details dieser Episode weg, an anderen Stellen wird das Wissenschaftliche in Extraabschnitte getrennt. Wie schwer ist Ihnen die Beschränkung gefallen?

Thirring: Der Verlag hat gesagt, die Leute wollen Geschichten lesen, also habe ich versucht, mich daran zu halten. Schließlich ist die soziale Komponente wissenschaftlicher Arbeit nicht zu unterschätzen. Man sammelt Ideen sozusagen am Weg ein, vor allem, wenn man viel herumkommt in der Welt (Kapitel seines Buches lauten: Dublin und Glasgow, Göttingen und Zürich, Bern, Princeton, MIT und University of Washington, Genf und (ab 1959) Wien, Anm.).

STANDARD: Wie passt das zum Klischee des einsam arbeitenden Mathematikers?

Thirring: Es gab schon Leute, die nicht kommunikativ waren. Kurt Gödel etwa (unter anderem dank der Unvollständigkeitssätze einer der wichtigsten Logiker des 20. Jahrhunderts, Anm.) hat eigentlich nur mit dem Einstein geredet und mit sonst niemandem. Aber die großen Stars sind ja gezwungen, Vorträge zu halten, sie sind zum Kommunizieren verurteilt. Und die meisten von ihnen hören auch zu.

STANDARD: Folgt man Ihren Ausführungen, spielt auch Glück eine Rolle auf dem Weg zum Ruhm.

Thirring: Ja, und der Zufall. Ich arbeitete in den Fünfzigerjahren am MIT an quantenfeldtheoretischen Problemen, da fiel mir zufällig eine alte Arbeit in die Hände, die mir bei der Lösung des Problems helfen sollte. Die Kollegen waren skeptisch, einer nannte es "wieder so eine schlampige Arbeit vom Thirring". Ein anderer aber fand die Lösung interessant und nannte sie das "Thirring-Modell". Da es fruchtbar war, ist es Bestandteil der Physik geworden. Aber, wie ich auch geschrieben habe: Es ist ein schmaler Grat zwischen Schattendasein und Berühmtheit.

STANDARD: Kardinal Schönborn hat in seinem "New York Times"-Kommentar vom Sommer 2005 die "überwältigenden Beweise für Absicht und Design" gegen die quantenmechanische Multiversumshypothese ins Feld geführt. Was sagen Sie dazu?

Thirring: Na ja, Intelligentes Design kann sehr unterschiedliche Sachen bedeuten, je nachdem, wen man fragt. Ich glaube, Kardinal Schönborn ist da in etwas hineingeraten, was nicht mehr zu überblicken war. (Michael Freund/STANDARD,Printausgabe, 14.1.2009)

Zur Person
Walter Thirring (81), in Wien geboren, ist vor allem mit seinen Arbeiten über die Quantenfeldtheorie, die Stabilität der Materie und Dispersionen in der Elementarteilchenphysik international bekannt geworden. Er baute ab 1959 die mathematische Physik an der Universität Wien auf, seine Lehrbücher sind Standard auf dem Gebiet.

  • Walter Thirring bei der Buchvorstellung.
    foto: standard/corn

    Walter Thirring bei der Buchvorstellung.

  • Sein Vater, der Physiker Hans Thirring, beim experimentellen Skifahren...
    foto: thirring

    Sein Vater, der Physiker Hans Thirring, beim experimentellen Skifahren...

  • ... und mit dem Physiker Werner Heisenberg.
    foto: thirring

    ... und mit dem Physiker Werner Heisenberg.

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