"Manchmal eine radikale Sprache"

13. Jänner 2009, 19:59
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Lob für Hamas und Iran, Attacken gegen Israel: Eine Predigt des Wiener Imams Adnan Ibrahim sorgt für Kontroversen

Wien - Die Worte des Imam blieben nicht ohne Resonanz. Beim vergangenen Freitagsgebet, das ganz im Zeichen des Gaza-Konflikts stand, hatte der prominente muslimische Prediger Adnan Ibrahim in der Wiener Schura-Moschee die Hamas und den Iran gelobt und gemeint: "Israel ist die eigentliche Bestie." der Standard war mit einer Dolmetscherin vor Ort.

Offiziellen Kommentar wollte die Islamische Glaubensgemeinschaft dazu vorerst keinen abgeben. "Wir werden erst intern diskutieren", sagt Sprecherin Amina Baghajati. Dafür nimmt Omar Al-Rawi, Integrationsbeauftragter der Glaubensgemeinschaft und Gemeinderat der SPÖ, Stellung. Er erklärt die Aussagen mit dem "persönlichen Kontext" des Predigers, der aus Gaza stammt, wo Ärzte von bisher mehr als 900 Toten durch die israelischen Angriffe sprechen. "Seine Eltern leiden unter dem Dauerbeschuss", sagt Al-Rawi, "seine Schwägerin ist bei der Entbindung wegen der schlechten Versorgung verblutet, drei Familienangehörige wurden bei einem Raketenangriff getötet. Dafür, dass ein Mensch unter solchem emotionalen Druck nicht die größten Sympathien für Israel hegt, habe ich vollstes Verständnis."

"Die Leute machen sich Luft"

Aber hat ein österreichischer Imam, dem Woche für Woche hunderte Muslime zuhören, nicht auch die Verantwortung, zu deeskalieren? Sind Ausdrücke wie "Bestie" nicht verhetzend? "Natürlich gibt es eine große Verantwortung. Ich möchte die Passage aber erst im Original hören. Manche Worte werden falsch übersetzt und klingen im Arabischen nicht schlimm, in der Übersetzung aber katastrophal", sagt Al-Rawi. Adnan Ibrahim rufe immer wieder zur Deeskalation auf, "das bleibt in der Berichterstattung auf der Strecke. Nicht von ungefähr gibt es in Österreich keinen einzigen Anschlag auf eine Synagoge und kein brennendes Auto." Nachsatz: "Dass Prediger manchmal eine radikale Sprache wählen, ist teilweise auch eine Aufarbeitung der Hilflosigkeit: Die Leute machen sich Luft."

Al-Rawi glaubt auch nicht, dass Ibrahim pauschal die politischen Ideologien von Hamas und Iran gutheiße: "Wenn er Lob geäußert hat, dann nur für den Umstand, dass sie sich gegen die israelische Besatzung einsetzen."

Der 43-jährige Adnan Ibrahim, der seit 1995 in Wien lebt, provozierte schon einmal Kontroversen, als in Übersetzungen seiner Predigten Aufrufe zum "Dschihad" auftauchten: "Wir wünschen uns den Tod, das Märtyrertum für die Sache Allahs in Palästina und Irak." Damals fühlte sich Ibrahim bewusst falsch interpretiert. In der aktuellen Causa war er für den Standard bisher nicht erreichbar.

"Nicht hinnehmen" will Ibrahims Aussagen die grüne Integrationssprecherin Alev Korun und fordert von der Glaubensgemeinschaft "Konsequenzen". Es sei inaktzeptabel, "dass ein Prediger, der Vorbildwirkung haben sollte, in einer Wiener Moschee eine islamistische Organisation verteidigt und den Gottesstaat Iran, der alles andere als eine Demokratie ist, lobt." Als Imam sollte sich Ibrahim "um seine, nämlich religiöse, Belange kümmern." Der Wiener FPÖ-Klubobmann Eduard Schock verlangt eine Suspendierung des Predigers.

Rechtlich relevant dürften Ibrahims Aussagen nicht sein. Aktivitäten für die Hamas sind zwar in der EU verboten. Die Unterstützung müsste aber konkret nachgewiesen werden, sagt der Anwalt Alfred Noll: "Adnan Ibrahim hat eine reine weltanschaulich-politische Stellungnahme abgegeben." (Gerald John/DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2009)

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